Mit Seifenblasen Patienten erobern
Sie bedeuten für Tausende eine Entscheidung, die ihr Leben komplett verändern kann: die Voruntersuchungstage (Screenings). Stundenlanges Anstehen in glühender Sonne, in einer Reihe mit zahllosen anderen. Alle haben eins im Gepäck: Eine Erkrankung, die ihnen eine positive Zukunft unmöglich macht, und die fehlenden Mittel, sich eine Behandlung in einem örtlichen Krankenhaus leisten zu können.
Großer Andrang bei den Screenings
Ihre einzige Hoffnung: Einen Zettel mit dem Termin für eine kostenlose Behandlung/OP auf der Africa Mercy. Für dieses Stück Papier müssen viele im Vorfeld unvorstellbare Strapazen auf sich nehmen. Unter anderem eine abenteuerliche Anreise über viele Kilometer, für die sie ihre letzten Habseligkeiten verkaufen.
Neue Vorzeichen für Screenings 2010
Zu den Voruntersuchungen kommen inklusive Angehöriger an die 4 000 Menschen. Alle Kranken wollen gesehen und gehört werden. Für das medizinische Personal gilt es, über jeden einzelnen abzuwägen und letztendlich zu entscheiden, ob er im Rahmen ihrer Möglichkeiten als Patient angenommen werden kann. Wurden diese Menschenmengen in der Vergangenheit an zwei Tagen zu Einsatzbeginn untersucht, ist das Africa Mercy-Team in diesem Jahr vom früheren Screening-Kurs abgewichen. Die Screenings finden jetzt dreimal wöchentlich an drei Stationen statt – bis Ende März in Lomé und dann bis Mitte Mai im Norden Togos. Potentielle Patienten, die zu den Glücklichen zählen und eventuell auf der Africa Mercy operiert werden können, werden dann montags auf dem Schiff vom jeweils behandelnden Chirurgen untersucht, der definitiv entscheidet, ob eine Operation möglich ist.
Geheimwaffe aus der Spielzeugkiste
Für die Besatzung bedeuten die Untersuchungstage eine besondere Herausforderung. So auch im Bereich der kinderorthopädischen Eingriffe. „Viele der Kinder hier sind sehr schüchtern. Sie haben noch nie eine weiße Person, einen ‚Yovo’, gesehen und verstecken sich hinter dem Rockzipfel ihrer Mutter“, holt die freiwillige Helferin Laura aus. Doch das erfahrene Team hat eine Geheimwaffe in Petto, um die kleinen Patienten aus der Reserve zu locken: Seifenblasen. Und die wirken sofort. Fröhlich quietschend jagen die Kinder nach den bunten Blasen – trotz O-Beinen und Klumpfüßen. Ist das Eis gebrochen, verkürzen Laura und ihre Kollegen den kleinen Patienten die Wartezeit mit mitgebrachten Spielen. Um die Brettspiele und die aufgeregten Teilnehmer gesellen sich neugierige Zaungäste. Alle fiebern mit, verfolgen den Verlauf und feuern die Spieler auf Französisch oder in den Landesdialekten Ewe und Mina an.
Am Ende ihres allerersten Screening-Vormittags konnte eine erschöpfte Laura angesichts von zahlreichen beurteilten Patienten und zahllosen eroberten Kinderherzen nur noch feststellen: „Das war ein wirklich erfolgreicher Morgen.“

