Doch es kam ganz anders...
Sie waren schon zu Schulzeiten die besten Freundinnen. Und sie hatten einen gemeinsamen Traum: Jessie und Sarah wollten sich als Krankenschwestern für die Ärmsten der Armen einsetzen. Ihr Ziel: die Africa Mercy. Doch das Schicksal hatte andere Karten für die beiden Freundinnen gemischt.
Jessie und Sarah waren zwei Freundinnen, wie sie im Buche stehen. Zwei, die miteinander durch Dick und Dünn gingen. Zwei Seelenverwandte, die keine großen Worte untereinander austauschen mußten und dennoch wußten, was die andere fühlt und denkt.
Die beiden Schulfreundinnen aus Jacksonville begannen auch zusammen ihre Ausbildung zur Krankenschwestern. Beide hofften, sich nach ihrer Ausbildung gemeinsam in einem Entwicklungsland auf einem karitativen Krankenhausschiff für die Ärmsten der Welt einsetzen zu können.
Das letzte Gespräch
Eines Tages bekam Jessie einen Anruf, den sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen sollte. Ihre 23-jährige Freundin Sarah war am anderen Ende der Leitung und wollte sich über den stressigen College-Alltag auslassen. In diesem Gespräch sagte Sarah etwas, das ihre Freundin in Staunen versetzte. Sie sagte, sie hätte das Gefühl, dass sie ihr Ziel niemals erreichen würden, einmal auf ein Schiff von Mercy Ships zu arbeiten. „Sie sagte so etwas wie ‚Weißt du, ich glaube nicht, dass wir das schaffen’“, erinnert sich Jessie zurück. Sie beruhigte ihre Freundin damals mit einem „Ach was, uns wird es gut gehen.“
Dieser Tag im März 2006 war das letzte Mal, dass sie ihre Freundin sprach. Eine Woche später war Sarah tot. Sie fiel einem brutalen Raubüberfall in der eigenen Wohnung zum Opfer. Ihre Eltern versuchten Jessie diese Hiobsbotschaft behutsam beizubringen. Doch sie konnte es nicht verstehen. Es erschien ihr nicht fassbar. „Aber wir wollen doch auf dieses Schiff gehen“, war der einzige Gedanke, den sie hatte. „Und wir werden auf dieses Schiff gehen.“
Den Traum weiterleben
Auf Sarahs Beerdigung sagte deren Mutter etwas zu Jessie, dass ihre eigene Mutter auch schon zu ihr gesagt hatte: „Du mußt weitermachen. Geh selbst auf das Schiff!“
Ihre tote Freundin Sarah hatte sich seit 2002 für Mercy Ships eingesetzt. Wie ihre Mutter erst nach deren Tod herausgefand, zweigte Sarah jeden Monat eine Spende ab – trotz der Studiengebühren und ihres kleinen Ausbildungs-Gehalts. Ihre Mutter mußte weinen, als sie die Kontoauszüge ihrer Tochter sah. Als sie ihren starken Glauben spüren konnte. „Obwohl sie so wenig hatte, gab sie noch etwas ab. Das ist so anrührend“, so Sarahs Mutter.
Für Jessie begann eine Zeit der Selbstzweifel.
Sie versank in einem Meer von Trauer, konnte sich nicht vorstellen, ihre Mission ohne Sarah zu erfüllen. Viele Leute bezweifelten ihr gegenüber, dass sie ihre Ausbildung überhaupt schaffen würde. Immerhin konnte sie kein Blut sehen und haßte Nadeln. „Das schaffst Du nie“, waren sich diese Leute sicher.
Die unsichtbare Begleiterin
Aber etwas Größeres, Mächtigeres leitete sie in eine ganz bestimmte Richtung. Sie faßte einen Entschluß: Sie wird auf dieses Schiff gehen! Jessie meisterte im Juli 2007 ihren Abschluß. Anschließend blickte sie ihren Ängsten ins Auge, suchte eine Stelle direkt im OP. Das einzige Krankenhaus, das ihre Bewerbung annahm, war das St. Vincent Medical Center, das nur einen Steinwurf von der Wohnung entfernt lag, in der ihre Freundin Sarah durch 31 Messerstiche ums Leben kam.
Jessie mußte auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag daran vorbeifahren. Aber sie wußte auch, dass für einen Einsatz als Krankenschwester an Bord eine zweijährige Berufserfahrung die Voraussetzung war.
Im November 2009 war es soweit. Jessie reichte ihre Bewerbung für die Africa Mercy ein. Darin schrieb sie Folgendes über Sarahs und ihren gemeinsamen Traum: „Ihre Ziele und Träume leben weiter. Sie sind eng verwoben mit meinem Lebenssinn. Wenn ich das für uns erreicht habe, wird meine Reise beendet sein. Danach beginnt ein neues, unbeschriebenes Blatt in meinem Leben. Ich weiß zwar noch nicht, was ich damit bewirken kann, aber ich weiß, ich muß es tun.“ Zu ihrer Bewerbung legte sie ein Foto bei, das sie und Sarah zu Schulzeiten zeigt.
Abschied nehmen und loslassen
Der Traum der beiden Freundinnen wird jetzt in Erfüllung gehen. In einigen Tagen wird Jessie in Lomé/Togo an Bord der Africa Mercy gehen. Dort wird sie als Krankenschwester den Chirurgen assistieren - bis zum 1. Mai. An ihrem letzten Einsatztag hätte ihre Freundin Sarah ihren 28.Geburtstag.
Vor kurzem ist ein Perlenarmband,
das ihr Sarah geschenkt hatte, einfach zerissen, als sie gerade einer Freundin von ihrem bevorstehenden Afrika-Einsatz erzählte. Erst dachte Jessie, das sei ein schlechtes Zeichen. Aber dann wußte sie, dass es etwas anderes zu bedeuten hatte. Sie wußte, dass sie vor dem letzten Tag ihrer Mission auf der Africa Mercy Sarahs Perlen vergraben würde. Vergraben in der Erde eines Landes, das ihre Seele alleine nie erreicht hätte.
Diese Geschichte stammt im Original von Bridget Murphy.

