Eine Handvoll Hoffnung für Sia
Die zehnjährige Sia hatte ihrer Stiefmutter 50 liberianische Dollar gestohlen - weniger als einen Euro. Ihre leibliche Mutter hatte Sia vor Jahren verlassen, ihr Vater saß im Gefängnis. Die Stiefmutter wollte dem kleinen Mädchen eine Strafe verpassen, die es nie mehr vergessen sollte.
Sie goss Kerosin über Sias Hände und hielt sie dann mit Gewalt in ein
brennendes Feuer. Sie hielt sie dort rund fünf Minuten fest - bis ein
Teil von Sias Fingern verbrannt und ihre Handflächen mit Verbrennungen
dritten Grades bedeckt waren.
Etwa zwei Monate später kam Sia zu Mercy Ships. Sie war zuvor in einem
liberianischen Krankenhaus behandelt worden, aber die Ärzte hatten ihr
nicht mehr weiterhelfen können. Sie brauchte Hautverpflanzungen für
ihre Handflächen. Deshalb brachte der Arzt aus der Klinik Sia zur
Anastasis. Er wusste, dass Dr. Tertius Venter, ein Chirurg aus
Südafrika, über eine langjährige Erfahrung in der Behandlung von
Verbrennungen verfügte.
Als Sia zu uns kam, war sie total verängstigt. “Krankenhaus”, das
war für sie ein Ort, wo der Verband gewechselt wurde und sie immer
wieder ihre entstellten Hände sehen musste. “Krankenhaus”, das war
gleichbedeutend mit Schmerz und Trauma.
Die Ärzte gaben Sia eine Narkose, damit sie in Ruhe die
Verbrennungen untersuchen konnten. Bereits wenige Stunden nach ihrer
Ankunft auf dem Schiff wurde ein Operationstermin angesetzt, um Haut
von Sias Oberschenkeln auf die Hände zu verpflanzen.
Angie Hess, eine der Mitarbeiterinnen, kümmerte sich um Sia. In der
ersten Zeit saß das kleine Mädchen nur teilnahmslos in Bett Nr. 31
und sah sich immer wieder dieselben Videofilme an, die über den
Stationsfernseher flackerten. Sie schien zwar keine Angst mehr zu
haben, aber sie war sehr still und immer auf der Hut.
Im Lauf der Zeit konnte Angie beobachten, wie eine Veränderung in Sia
vorging. Wenn Angie eintrat, schien das Mädchen fast zu lächeln. Als
sie fragte, ob sie etwas bringen solle, bat Sia um einen gelben Ballon.
Sie wollte ihn allerdings nicht aufblasen, sondern ihrem Bruder
mitbringen. Und eines Tages, als Angie sie auf die Schaukel auf dem
Achterdeck setzte, da lachte Sia zum ersten Mal wieder - ein erstes
Anzeichen dafür, dass die Freude am Leben allmählich
zurückkehrte.
Als Sia mit ihrer Großmutter das Schiff verließ, trug sie ein rotes
Kleid und in den noch immer bandagierten Händen eine kleine Puppe.
Bald wird sie mit ihr spielen können.

