Emmanuel: Ein kleiner Junge wird zum Held
Vielleicht kennen Sie den tapferen kleinen Kerl bereits durch die Reportagen im ZDF, auf Bibel TV oder der Deutschen Welle. Dann können Sie hier jetzt erfahren, wie es mit ihm weiterging. Für diejenigen, die Emmanuel noch nicht kennen, berichten wir hier auch wie alles begann.
Es ist eine Geräuschkulisse wie vor
einem großen Konzert, als sich das kleine Empfangskomitee vor dem
Kinderheim in Monrovia aufstellt. Jeder ist unruhig, kann nicht lange
auf einer Stelle stehen. Überall lachen Kinder, kichern vor sich hin
oder rufen laut durcheinander. Fast jeder von ihnen hat ein Plakat mit
blauer, roter oder gelber Farbe gebastelt, das er stolz in die Höhe
hält.
Doch es ist kein weltberühmter Star, auf den die Kinder so gebannt warten. Sie alle warten auf Emmanuel, einen kleinen 10-jährigen Jungen, der mit ihnen zusammen im Kinderheim wohnt – und bis vor kurzem an zwei großen Klumpfüßen litt.
Emmanuel hat es geschafft, nach beinahe einer Woche an Bord der Africa Mercy, darf er wieder zu seinen Freunden. Nur noch ein kleiner weißer Gips an seinem rechten Fuß lässt die Operation erahnen. Und da, als der kleine weiße Landrover um die Ecke biegt, gibt es kein Halten mehr. Jedes Kind stürmt auf den Transporter zu und präsentiert stolz sein Plakat. Im Nu ist der ganze Transporter von Kindern belagert. Emmanuel kann es kaum glauben. Nach all den Jahren voller Abweisung und Scham spürt er, was es heißt, akzeptiert zu werden.
Seit seiner Geburt vor 10 Jahren litt Emmanuel an Klumpfüßen. Beide Füße ähnelten mehr dicken, knorrigen Baumwurzeln als den kleinen Füßen eines Jungen. Die Krankheit, unter der üblicherweise doppelt so viele Jungen wie Mädchen leiden müssen, betrifft Knochen, Muskeln, Sehnen und Blutgefäße des betroffenen Beines. Während die Ferse nach oben zeigt, verdreht sich die vordere Fußhälfte nach innen. Unterhalb der dünnen, schmächtigen Waden, verdickt sich der Fuß zu einem großen Stumpf.
Kommt ein Kind in Deutschland oder einem anderen westlichen Land mit Klumpfüßen auf die Welt, wird es noch vor dem Laufen lernen operiert. In Liberia, dem Geburtsland von Emmanuel, besitzt kaum ein Kind die Aussicht auf einen derartigen Eingriff. Emmanuel musste lernen, all die Jahre auf der Oberseite seiner Füße zu laufen. Überall bildeten sich große Schwielen und wunde Punkte, so dass jeder einzelne Schritt für ihn beschwerlich und schrecklich schmerzhaft war. Doch nicht allein unter den starken körperlichen Schmerzen musste er leiden. Von seinem Umfeld verspottet und zurückgewiesen lebte Emmanuel unglücklich und zurückgezogen bei seinen Eltern. Doch auch dort erging es ihm schlecht: Sein Vater ein Säufer, seine Mutter eine „verrückt gewordene“ Frau. Ursprünglich war Emmanuel eines von sieben Kindern, doch alle seine Geschwister starben. Auch er würde wohl heute nicht leben, wenn sich nicht eines Tages eine Frau ein Herz gefasst und ihn von seinem Elternhaus fortgebracht hätte. Sie hatte regelmäßig den Gottesdienst in einem kleinen Kinderheim in Monrovia besucht und war sich sicher, dass es Emmanuel dort besser ergehen würde.

Über dieses Kinderheim kam Emmanuel auch zum ersten Mal mit Mercy Ships in Kontakt. Als Ines Kronester im Januar 2007 das Kinderheim besuchte, handelte es sich ursprünglich um eine reine Erkundungstour, bei der sie den späteren Mercy-Ships-Einsatz außerhalb der Africa Mercy vorbereiten wollte. Doch als sie Emmanuel´s Füße sah, dachte sie sofort daran, ihn sobald wie möglich auf die Africa Mercy zu bringen.
Als der Einsatz im Feld dann tatsächlich startete, kam Ines regelmäßig ins Kinderheim. Durch ihre vielen Besuche entwickelte sich ein enger Kontakt zu Emmanuel und seinen Betreuern. Diese enge Beziehung war es auch, die es schließlich möglich machte, Emmanuel für längere Zeit aufs Schiff zu bringen. Da er mit einem Alter von 10 Jahren aber schon zu alt war, um beide Beine gleichzeitig operieren zu lassen, stand fest: Emmanuel musste zweimal operiert werden.
Bereits im August 2007 erhielt Emmanuel seine erste Operation, die OP seines rechten Beines wurde für den darauffolgenden Frühling geplant, für den Mercy Ships geplant hatte, in Sierra Leone zu ankern. Auch wenn eine Operation in Sierra Leone einen weiten Weg bedeutet hätte, Emmanuel benötigte dringend diese zweite Operation.
Während der Zeit, in der Emmanuel nach
seiner ersten Operation an Bord der Africa Mercy bleiben musste, war
auch Lucy, eine der drei Betreuerinnen des Kinderheimes, ständig bei
ihm. Obwohl sie einerseits glücklich war, Emmanuel die ganze Zeit
beistehen zu können, wusste sie andererseits, dass das Kinderheim mit
nur zwei Betreuerinnen stark unterbesetzt war. Schon lange vor der
zweiten OP zerbrach sie sich deshalb den Kopf über Möglichkeiten, um
nicht erneut viele Tage von den anderen Kindern entfernt sein zu
müssen. Wie konnte sie einerseits bei Emmanuel in Sierra Leone bleiben
und sich um ihn kümmern, wenn sie doch auch die anderen Kinder in ihrem
Heim in Liberia dringend benötigten? Eine quälende Frage. Doch ihre
Gebete wurden erhört. Anstatt wie geplant in Sierra Leone anzulegen,
erhielt die Africa Mercy den Befehl, im Frühjahr 2008 noch einmal in
Liberia zu ankern. Für Lucy die rettende Lösung. So konnte sie Emmanuel
beistehen, ohne mit ihm den langen Weg nach Sierra Leone auf sich
nehmen und die anderen Kinder im Kinderheim längere Zeit
vernachlässigen zu müssen.
Vor kurzem hat Emmanuel nun auch seine zweite Operation gut hinter sich gebracht. Schon immer hatte er davon geträumt, wie die anderen Kinder zu sein. „Ich will doch einfach nur mit ihnen zusammen in die Schule laufen und Fangen spielen“, sagte der kleine Junge noch ganz traurig vor der ersten Operation. Nun kann er es! Endlich ist es für ihn nicht länger ein Problem, mit den anderen Schulkindern mitzuhalten.

Durch sein Lachen und seine fröhliche Art hat Emmanuel an Bord der Africa Mercy im Handumdrehen die ganze Station für sich gewonnen. Es ist kaum zu glauben, dass dieser fröhliche Junge noch vor wenigen Jahren bei seinen Eltern ein Leben ohne Zukunftsperspektive und voll von Trauer und Zurückweisung leben musste.
Ines Kronester hat hautnah miterlebt, wie sich das Leben von Emmanuel durch die beiden Operationen vollständig verändert hat. „Ihn nun nach der zweiten Operation so fröhlich zu sehen ist einfach unglaublich. Mein Herz springt vor Glück! Zuvor hätte ihm in Liberia mit seinen zwei verkrüppelten Beinen eine äußerst schwierige Zukunft bevorgestanden. Mercy Ships hat sein Leben von Grund auf verändert…nun ist Emmanuel ein kleiner Star!“
Und tatsächlich – sieht man heute, wie die kleinen Kinder Emmanuel bei seiner Ankunft auf ihre schmalen Schultern nehmen und ihn stolz zurück ins Kinderheim tragen, unterscheidet Emmanuel nichts von einem weltberühmten Star. Für die Kinder in seinem Kinderheim ist dieser kleine Junge ein Held!

