Ein Hurrikan, ein Fischwunder und eine Vision von gelebter Nächstenliebe

Über die Geburtsstunde von Mercy Ships

„Ich könnte sagen, es fing alles mit einem Hurrikan an. Oder mit dem Lesen eines Buches über die berühmte „SS Hope“. Ich könnte sagen, es begann mit einem Treffen mit Mutter Teresa oder mit der Geburt unseres Sohnes John Paul, der mit einer Behinderung zur Welt gekommen ist. Ich könnte auch sagen, es begann mit dem gütigen, barmherzigen und würdevollen Vorbild meiner Eltern, die in unserer Kleinstadt jedem Bedürftigen ihre hilfsbereiten Hände entgegenstreckten. Ich könnte all dies als Inspiration nennen, um zu erklären, wie die Idee entstand, Mercy Ships zu gründen. Und sie würden alle wahr sein.“ Don Stephens, Gründer von Mercy Ships

Mitten im Hurrikan

Mit diesen Worten beginnt Don Stephens in „Ships Of Mercy“ („Schiffe der Barmherzigkeit“) seine Erinnerungen daran, wie es zur Gründung von Mercy Ships kam. Man könnte tatsächlich einen Hurrikan als die Geburtsstunde von Mercy Ships nennen. 1964 verwüstete Hurrikan Cleo die Bahamas, der neunzehnjährige Don aus Colorado war als Teil einer Jugendgruppe in Nassau mittendrin. Sie führten gerade einen Sommereinsatz des christlichen Missionswerks „Jugend mit einer Mission“ durch, als sie unversehens um ihr Leben fürchten mussten. Eines der anwesenden Mädchen sagte: "Wäre es nicht wunderbar, wenn es ein Schiff mit Ärzten und Krankenschwestern gäbe, das nach einer solchen Katastrophe kommen würde um zu helfen?” Der Hurrikan ebbte nach einiger Zeit wieder ab, aber Don konnte diese Frage nie vergessen.

Schiffe hatten ihn schon immer fasziniert. Es lag ihm vielleicht in den Genen, seine norwegischen Vorfahren waren im Schiffsbau tätig gewesen. So las er das Buch „A Ship Called Hope“ („Ein Schiff namens Hoffnung“) von William Walsh und erfuhr von der „USS Hope“, dem ersten zivilen Hospitalschiff, das in den 1970er Jahren aber stillgelegt worden war. Wäre ein Schiff wie dieses nicht genau das, wovon das Mädchen während des Sturms geträumt hatte?

Mutter Teresa gab den Anstoß

In den Siebzigern lebte Don mit seiner Frau Deyon als Mitarbeiter von „Jugend mit einer Mission“ in Lausanne, in der Schweiz. Nach zwei gesunden Kindern wurde ihnen 1976 ihr schwerstbehinderter Sohn John Paul geboren, der sowohl autistisch als auch körperlich und geistig behindert ist. Dieses Ereignis erschütterte Don, es warf schwierige Fragen auf, und so nahm er ein Jahr später die von einem Bekannten vermittelte Einladung an, Mutter Teresa in Kalkutta zu besuchen. Überwältigt von dem Elend in der Millionenstadt faszinierte ihn die berühmte Ordensleiterin, die ihrer Schwesternschaft „einprägte, sich auf jeden Einzelnen zu fokussieren, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt, der ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge erhalten würde.“ Mutter Teresa half ihm, die Vision für sein Leben klarer heraus zu feilen und sagte ihm: „Dein Sohn wird dir auf deinem Weg helfen, die Augen, die Ohren, der Mund und die Hände für die Armen zu werden.“

Zutiefst beeindruckt von dieser Begegnung verließ Don Stephens Kalkutta, entschlossen, seinen alten Traum von einem Hospitalschiff endlich Wirklichkeit werden zu lassen: „Die Vision konkreter Barmherzigkeit, die Idee eines Schiffes, die Vorstellung, auf diese Weise den Ärmsten der Armen moderne medizinische Versorgung anbieten zu können, das war zunehmend das, worüber ich nachdenken, reden, beten und träumen konnte.“ Und dies bewegte ihn auch, als er wieder zurück in Lausanne mit einem Schweizer Unternehmerehepaar zu Abend aß.

Ein Traum wird wahr: Victoria

Henri und Francoise André hörten ihm eine Weile lang zu, dann schlug Henri vor: „Warum kommst du nicht mal in unser Büro? Ich stelle dir unseren Verantwortlichen für die technische Seite unserer Reederei vor.“ Don war perplex. Er hatte gar nicht gewusst, dass seine Gastgeber auch im Reedereigeschäft tätig waren. Gesagt, getan. Das Ehepaar André nahm ihn unter ihre Fittiche, sie halfen ihm, ein Schiff zu finden und unterstützten ihn bei der Finanzierung. Schließlich war es soweit: am 5. Oktober 1978 wurde der Kaufvertrag für das 159 Meter lange elegante italienische Passagierschiff Victoria unterzeichnet, dass sie später in Anastasis umbenannten (griechisch für „Auferstehung“). Dieses Schiff sollte das erste Mercy Ships Hospitalschiff werden. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Ungefähr vier Jahre lang sollte die Anastasis in Eleusis, in Griechenland, im Hafen liegen und „an ihrem Anker schwingen“, wie Don Stephens es zusammenfasste. Das Ehepaar Stephens suchte nach Mitstreitern, die ihre Vision teilten. Schließlich zogen sie mit ihren Kindern und 150 weiteren Personen aufs Schiff. Renovierungen und Umbauten standen an, damit aus einem Passagierschiff ein schwimmendes Krankenhaus werden konnte. Weitere finanzielle Mittel mussten aufgetrieben werden. Manches Mal war es schon eine Herausforderung, genügend Treibstoff zu organisieren, um Strom für den laufenden Betrieb an Bord zu erhalten.

Springende Fische und Gerüchte

Und dann geschah ein außergewöhnliches, richtiges Wunder: Tausende Fische sprangen aus dem Meer aufs Land. Das hatte man so noch nie gesehen. Medien aus ganz Griechenland kamen nach Eleusis, um über dieses aufsehenerregende Ereignis zu berichten. Natürlich hatte sich auch das ungewöhnliche Schiffsprojekt in der Gegend herumgesprochen und dieses „Fischwunder“ war in der Nähe des Liegeplatzes der Anastasis passiert. So ging das Gerücht um, dass dieses „Wunder“ für Mercy Ships geschehen war. Reporter verbreiteten es im Fernsehen zur Hauptsendezeit, plötzlich war Mercy Ships in aller Munde. Man kann darüber spekulieren, ob das „Fischwunder“ ein göttliches Zeichen gewesen sein mag, doch nicht lange danach konnte das Schiff endlich fertiggestellt werden. Am 7. Juli 1982 war die Anastasis abfahrbereit, kurz darauf legten sie ab.

Seit dieser ersten Fahrt sind fast 36 Jahre vergangen. Weitere Schiffe wurden erworben, es konnten seither mehr als 89.000 lebensverändernde Operationen durchgeführt und mehr als 163.000 Patienten zahnmedizinisch behandelt werden. Und die Geschichte wird fortgeschrieben, aktuell mit der Africa Mercy und zukünftig mit einem weiteren, noch im Bau befindlichen größeren Hospitalschiff.

„Während ich auf dem Deck der Africa Mercy stehe, kann ich nicht anders, als Gott für all das zu danken. Das alles tun zu dürfen war und ist ein Privileg - in der Vergangenheit, in der Gegenwart und auf den zukünftigen Schiffen von Mercy Ships. Ja, die Reise geht weiter und ich freue mich auf die vielversprechende Zukunft, auf die wir zusteuern!“ Don Stephens





Susanne Reddig, 28. März 2018

bringt Hoffnung und Heilung...