Leben im Verborgenen, Teil 3

Der Beginn eines neuen Lebens

13.08.2012

Es ist ein großer Tag für die Frauen, die an Bord der Africa Mercy gekommen sind, um von dem Leiden befreit zu werden, das sie oft schon seit Jahren quält. Die Tragödie, die mit Komplikationen bei der Geburt, dem Verlust ihres Kindes und einer folgenschweren Verletzung des Geburtskanals ihren Anfang nahm, findet an diesem Tag ihr Ende.

Manche der Frauen litten Jahre, andere Jahrzehnte unter einer Krankheit, die als Vesikovaginal Fistel (VVF), Blasenscheidenfistel oder Geburtsfistel bezeichnet wird. In westlichen Ländern meist ein vergessenes medizinisches Problem, stürzen Geburtsfisteln in Westafrika zahlreiche Frauen in ein Unglück, dessen einziger Ausweg ein chirurgischer Eingriff ist.

Die Qualen, die die Frauen körperlich und seelisch erleben, ausgestoßen aus der Gesellschaft, verzweifelt, einsam und würdelos, mit Ekzemen an der Haut durch den permanenten Urinfluss, haben nach der langersehnten Behandlung bei Mercy Ships ein Ende.

Am heutigen Tag beginnt ein neues Leben für sie. Geheilt von der Krankheit und befreit von dem Makel der Inkontinenz, können sie zurückkehren in die Gesellschaft und zu ihren Familien, wo ein Neuanfang auf sie wartet. An Bord der Africa Mercy ist es Tradition diesen Neuanfang mit einer Feier, der sogenannten "Dress Ceremony" symbolisch einzuleiten. Es ist ein Festtag für die VVF-Frauen.

Mit feierlich erhobenen Händen betritt eine Gruppe Frauen die Krankenstation an Bord des Hospitalschiffes. Jede von ihnen trägt ein buntes neues Kleid und ein auffallendes Kopftuch. Sie tragen Schmuck und sind geschminkt – einige von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben. Zusammen mit Mercy Ships feiern sie, dass sie geheilt werden konnten.

Was diese Heilung für die Frauen bedeutet, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Ihre Lippen zittern und es fehlen ihnen die Worte, wenn sie versuchen, ihren Dank auszudrücken dafür, dass Mercy Ships sie vor einem Leben in Kummer und Qual bewahrt hat.

Mit ihrer Kraft haben sie ihre missliche Lage durchgestanden und sind nun am Ende ihres Leidensweges. Sie können die Vergangenheit hinter sich lassen, ihr Leben neu beginnen und in die Gesellschaft zurückkehren. Neue Möglichkeiten stehen ihnen offen für ihr Leben.

Viele Betroffene in Westafrika und in anderen Teilen der Welt warten allerdings immer noch auf einen Tag wie diesen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden schätzungsweise zwei Millionen junge Frauen in Asien und in Afrika südlich der Sahara an unbehandelten Geburtsfisteln. Jedes Jahr sind 50.000 bis 100.000 Frauen von dieser Schädigung des Geburtskanals betroffen.

Der vorrangigste Grund für Geburtsfisteln ist der mangelhafte Zugang zu medizinischer Notversorgung bei der Entbindung. Ohne Zugang zu ärztlicher Hilfe leiden Frauen bei Geburtskomplikationen mitunter tagelang, solange der Kopf des ungeborenen Kindes permanent gegen das Becken der Mutter drückt.

Bislang kann der notwendige Zugang zu Gesundheitsversorgung in einem Entwicklungsland wie dem westafrikanischen Togo allerdings nicht gewährleistet werden. Dr. Lauri Romanzi, VVF-Chirurgin an Bord der Africa Mercy, kennt das Dilemma: „Diese Krankheit könnte ausgerottet werden. Sie bleibt aber ein Problem aus dem einfachen Grund, weil bei den betroffenen Frauen im Notfall keine Kaiserschnitt Operation durchgeführt werden kann, wie es in westlichen Ländern üblich wäre.“

Daher ist es so wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen für das Krankheitsbild Vesikovaginal Fistel. Dieses Problem könnte jede Frau auf der ganzen Welt treffen, aber mit der entsprechenden Gesundheitsversorgung ist es vermeidbar.

Die betroffenen Frauen durchleben alle denselben seelischen Schmerz, der durch ihre körperliche Verfassung ausgelöst wird. „Das Einzige wonach ihr Innerstes schreit, ist, wieder normal zu sein.“ so Dr. Romanzi weiter, sichtlich bewegt von dem Schicksal der VVF-Frauen.

Die Frauen, die heute an Bord der Africa Mercy ihre Heilung feiern, müssen nicht mehr länger im Verborgenen leiden. Ihre Tränen weichen der Freude und sie tanzen singend hinaus aus der Krankenstation. Sie singen ein Lied des Glücks, der Heilung und des Triumphs und es hallt durch die Gänge des Schiffshospitals.

Jede der Frauen verlässt das Schiff erhobenen Hauptes mit neuem Selbstbewusstsein. Es ist ihr Neuanfang.

Das OP-Schiff
Neue TV-Serie auf NatGeo People zeigt Ärzte bei ihrer lebensrettenden Mission auf der Africa Mercy. Mittwochs um 20:15 Uhr. mehr »
bringt Hoffnung und Heilung...
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