Ein bisschen zurückgeben können

Am Anfang meiner Ausbildung zum plastischen Chirurgen wurde ich mit vielen ethischen und moralischen Fragestellungen konfrontiert. In einer Werbung heißt es, wenn du Neuland betritt, betrete es mit jemandem, der sich auskennt. Somit habe ich mich auf die Suche nach einem erfahrenen plastischen Chirurgen gemacht, dessen Arbeit und Leben genauso auf dem christlichen Glauben aufbaut, wie es bei mir der Fall ist.

Tatsächlich lernte ich auf einer Konferenz jemanden kennen, der mir den Kontakt zu einem südafrikanischen Kollegen vermitteln konnte. Der Kollege operierte regelmäßig auf einem der Mercy Ships Schiffe und hatte 18 Jahre mehr an Erfahrung in der plastischen Chirurgie als ich. Somit nahm ich Kontakt zu ihm auf, und keine drei Monate später, befand ich mich selbst in Sierra Leone auf der M/S Anastasis und habe Dr. Tertius Venter zwei Wochen lang assistiert. Dabei standen wir nicht nur im OP-Saal nebeneinander, sondern haben sogar dieselbe Kabine miteinander geteilt.

Während meines ersten Besuchs auf dem Schiff ist mir ein lang vergessener Kindheitstraum wieder eingefallen – eines Tages auf einem großen weißen Schiff zu operieren. Seitdem konnte ich somit fast jedes Jahr für zwei bis drei Wochen diesen Traum leben.

Durch mein Medizinstudium hatte ich schon mehrmals die Möglichkeit, wenig entwickelte Länder zu besuchen und dort zu arbeiten. Somit war das Schiff die perfekte Kombination für mich, hoch spezialisierte Chirurgie in deutlich unterentwickelte Gegenden Afrikas zu bringen.

Die Einsätze sind für mich körperlich gesehen kein Urlaub: Während eines Einsatzes operiere ich fünf Tage die Woche auf dem Schiff - und mache sieben Tage die Woche Visite – wie es in einem ganz normalen Krankenhausalltag der Fall ist.

Für meine Seele jedoch bedeutet jeder Einsatz bei Mercy Ships Erholung und Inspiration. Dadurch, dass jeder Mitarbeiter eine extrem hohe Motivation und eine unglaublich große Liebe zu den Patienten mitbringt, gibt es kaum Konflikte im Arbeitsalltag. Jeder, der dort arbeitet, ist freiwillig auf dem Schiff, zahlt für seinen Einsatz und versucht, christliche Nächstenliebe ganz praktisch zu leben – ganz gleich, ob für zwei Wochen oder für zwanzig Jahre. Und das beeindruckt mich sehr.

Tausend Mitarbeiter leben und arbeiten pro Jahr auf dem Schiff. Und trotzdem arbeiten hier alle Hand in Hand zusammen. Es herrscht ein extrem guter Geist unter den Kollegen. Alle auf dem Schiff nehmen sich Jesus Christus als Vorbild für ihr Handeln und versuchen, ihr Bestes zu geben. Das gilt nicht nur für diejenigen, die am OP-Tisch stehen oder auf der Krankenstation arbeiten, sondern auch für die, die beispielsweise jahrelang in der Küche arbeiten, ohne den direkten „Erfolg“ an den Patienten sehen zu können. Und auch das ist beeindruckend.

Vom plastisch chirurgischen Gesichtspunkt her ist es für mich bei meinen Einsätzen oberste Priorität, die Form und Funktion von Körperteilen wiederherzustellen, damit die Patienten wieder so gut wie möglich für sich und ihre Familie sorgen können. Natürlich sind einige Operationen eine große Herausforderung, da sich bei uns in der westlichen Welt die Krankheitsbilder kaum so weit entwickeln.

Somit ist es sehr motivierend, wenn jeden morgen vor der Arbeitszeit mit dem ganzen Team für die Operationen und Patienten des Tages gebetet wird. In Westafrika erlebe ich oft, dass es Dinge gibt, vor denen man auch als erfahrener Chirurg viel Respekt hat und nicht weiß, ob alles gut verläuft. Ich erlebe, wie Jesus Christus uns durch diese Operationen hindurch trägt.

Ich erinnere mich an den Fall einer jungen Frau, die einen sehr ungewöhnlichen, großen Weichteiltumor am Hinterkopf hatte. Wir hatten leider vorher trotz Computertomographie keine gute bildgebende Diagnostik erhalten können. Obwohl die Trennung zwischen gesunden und kranken Schichten in der plastischen Chirurgie sehr wichtig ist, war das bei ihr leider nicht möglich. Die Operation hat relativ lange gedauert und zwischendurch ging es an die Grenzen meiner Energie. Als Team haben wir während dieser Operation, noch einmal für einen guten Verlauf gebetet, und konnten dann den Tumor tatsächlich gut entfernen. Die junge Frau wurde relativ schnell gesund. Situationen wie diese erlebt man sehr häufig auf dem Schiff.

Die Arbeit auf dem Schiff prägt mein Leben sehr stark. In meinem Berufsleben habe ich viel mit Menschen zu tun, denen es materiell gesehen sehr gut geht. Für mich ist es eine Bereicherung, durch die Arbeit bei Mercy Ships eine sehr große Bandbreite an Menschen aus allen Gesellschaftsschichten kennenzulernen. Jeder Einsatz in Westafrika bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Mir ist es wichtig, in meinem Umfeld in Deutschland und in unserer Gesellschaft den Blick dafür zu schärfen, dass es uns im Vergleich zu sehr vielen Menschen auf der Welt sehr, sehr gut geht. Und dass es viele Möglichkeiten gibt, diese Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Genauso wertvoll ist es, auf dem Schiff gelebten Glauben zu erfahren, der durch die vielen unterschiedlichen kulturellen Einflüsse sehr bunt und ermutigend ist. Die Einsätze bei Mercy Ships sind für mich eine wunderbare Möglichkeit, ein kleines bisschen von dem, was mir geschenkt wurde, zurückgeben zu können.|

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