Gisele

Ein neuer Anfang

20.11.2014

Eigentlich sollte dies nicht Giseles Geschichte sein. Aber sie ist es. Im Jahr 1993 war Gisele 28 Jahre alt, verheiratet und sie erwartete ein Kind. Da sie bereits eine Fehlgeburt erlebt hatte, war ihr dieses Kind umso wertvoller. Sie freute sich über die Aussicht, Mutter zu werden, denn alles, was Gisele jemals gewollt hatte, war Kinder zu haben. Sie glaubte, dass dies der Sinn ihres Daseins auf Erden sei.

Doch alles sollte anders kommen. Seit dem Tag, an dem die Wehen einsetzten, war Giseles Leben von »hätte«, »sollen« und »können« geprägt. Sie hätte eine normale Geburt erleben sollen. Als dies nicht geschah, hätte es eine Notfallversorgung geben müssen. Gisele hätte einen Kaiserschnitt bekommen und Mutter werden sollen. Heute hätte sie die Mutter eines 21-jährigen Sohnes sein können und die seiner vielen jüngeren Schwestern und Brüder.

Doch heute, zwanzig Jahre später, ist Gisele 48 Jahre alt, geschieden und kinderlos.

Gisele hat im Jahr 1993 in ihrem Dorf in der Republik Kongo ihr Kind aufgrund eines verzögerten Geburtsvorgangs verloren. Als Folge der traumatischen Geburt bildete sich eine Blasen-Scheidenfistel, auch Vesico-Vaginale Fistel (VVF) genannt. VVF tritt nach Komplikationen während des Geburtsvorganges auf. Zwischen dem Geburtskanal und dem Harnleiter entsteht ein Loch, das eine Inkontinenz verursacht. Zwanzig Jahre lang musste Gisele mit ständigem Ausfluss von Urin leben.

Gisele konnte dem Geruch des Urins nicht entfliehen. Ihre vom Urin feuchte Kleidung und ihre nassen Beine waren zudem eine ständige Erinnerung an das Kind, das sie verloren hatte, und an die anderen Kinder, die sie nicht mehr bekommen konnte. Nachts musste sie stündlich aufstehen, um ihre feuchten Kleider zu wechseln. Als Giseles Ehemann merkte, dass sie keine Kinder mehr bekommen konnte, verließ er sie. Er wolle immer noch eine Familie, sagte er schroff, »aber mit dir verschwende ich meine Zeit«.

Giseles körperliche Beschwerden waren nichts, verglichen mit der emotionalen Last, infolge der öffentlichen Verstoßung durch den Ehemann. Im Hinblick auf ihr großes Ziel, Mutter zu werden, war Gisele gescheitert und sie sah keinen Sinn mehr im Leben. Ihre gescheiterte Ehe machte ihr auch Angst: Eine Frau ohne Kinder zu sein, hieß, eine Frau ohne Wert zu sein. Gisele sagt, dass sie seit diesem Jahr, 1993, ihr Leben nicht mehr lebte, sondern nur zwischen Leben und Tod existierte und auf das Ende wartete.

Aufgrund des Geruchs, der sie umgab, und dem damit verbundenen Stigma, zog sich Gisele in ein vollkommen vereinsamtes Leben zurück. Dabei war sie in Wahrheit weit davon entfernt, allein zu sein. Laut Weltgesundheitsorganisation leben über 2 Millionen Frauen in den Ländern unterhalb der Sahara und in Asien mit VVF. In großen Teilen der Entwicklungsländer gibt es im Bereich Geburtshilfe keinerlei medizinische Versorgung. Frauen müssen einfach ohne die Versorgung auskommen und viele sterben an den Nebenwirkungen unbetreuter Geburten. Viel zu viele der Frauen, die Komplikationen während der Geburt durchleben, müssen ihr totgeborenes Kind beerdigen – und über die lange Liste von »hätte«, »sollen« und »können« trauern.

VVF ist in den meisten Fällen durch einen Eingriff zu beheben. Und als sich in der Republik Kongo die Neuigkeit verbreitete, dass Mercy Ships ins Land kommen würde, begann Gisele zu hoffen. Sie machte sich auf den Weg, wurde als Patientin registriert und bekam einen OP-Termin.

Seit ihrem Eingriff hat Gisele immer ein Lächeln auf den Lippen. Sie sitzt anmutig in ihrem Bett, strickt und summt, während sie mit Frauen in den benachbarten Betten angeregte Gespräche führt. Die Operation konnte ihr die Mutterschaft nicht zurückbringen, doch an Bord der Africa Mercy hat Gisele etwas anderes gefunden: emotionale Wiederherstellung. Durch die Art und Weise, in der Ärzte und Krankenschwestern sie medizinisch versorgten und sich auch darüber hinaus um sie kümmerten. Und durch die Freundschaften, die sie zu anderen Patientinnen aufgebaut hat, von denen die meisten ebenfalls keine Mütter sind.

Wenn für VVF-Patientinnen der Zeitpunkt der Entlassung näher kommt, organisiert das Hospital eine Abschiedsparty, genannt die »Bekleidungs-Zeremonie«. Jede Patientin bekommt ein neues Kleid, das sie behalten darf, wenn sie nach Hause geht. Am Morgen von Giseles Feier versammeln sich die Frauen auf der Krankenstation, um Make-up aufzutragen und ihren Haarschmuck anzulegen. Die Station ist mit Gesprächen, Lachen und Spannung angefüllt, wie vor einer Brautfeier. Gisele schaut sich die Frauen an, die sich bereit machen und sagt: »Aujord’hui c’est bon.« Der heutige Tag ist gut. Bald nach der Feier wird Gisele aus dem Hospital entlassen. Als sie den Hafenbereich betritt, ist es für sie ein symbolischer erster Schritt zurück in die Gesellschaft.

Gisele mag die Trauer über den Verlust ihres Kindes und den Schmerz der langen Leidensjahre für immer in sich spüren. Aber sie wird beides mit erhobenem Kopf tragen, da sie jetzt die Wahrheit kennt. Sie kennt ihren Wert. Zu viele Jahre hat sie unter dem, was »hätte sein sollen oder können« gelitten. Aber jetzt ist es Realität: Jetzt kann sie leben.

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