Minette

Minettes Cinderella Geschichte

Aufgeregt saß Minette auf dem Stuhl und beobachtete, wie die Friseurin geschickt mit ihrem Haar arbeitete. Noch immer konnte sie kaum fassen, dass dieser lang ersehnte Moment in ihrem Leben gekommen war – niemand hatte mehr Angst, sie zu berühren und ihre Haare schön zu frisieren. An diesem Tag fühlte sich Minette als etwas ganz Besonderes, wie die Märchenprinzessin Cinderella. Nein, Minette war nicht auf dem Weg zu einem Ball, um ihren Prinzen zu treffen, aber ihr größter Wunsch war dennoch schon wahr geworden. Eine Stunde später waren ihre Zöpfe perfekt hergerichtet und Minette war fertig gestylt für die Feier, die sie sich seit vielen Jahren wünschte … genauer gesagt, seit sechzehn Jahren.

Alles hatte im Alter von fünf Jahren begonnen, als sich bei ihr Symptome einer Erkrankung namens Neurofibromatose zeigten. Tumore, die an Nerven über den ganzen Körper verstreut wachsen. In Entwicklungsländern wie Madagaskar weiß man wenig über Ursachen und Verlauf dieser Krankheit, geschweige denn darüber, wie sie behandelt werden kann. Minettes Vater Robert brach es das Herz, als die Krankheit bei seiner Tochter ausbrach. Er wusste nur allzu gut, um was es sich handelte – denn auch er war litt seit seinem fünften Lebensjahr unter dieser Krankheit.

Einige Tumore bleiben sehr klein, was es den Betroffenen einfacher macht, sie zu verstecken. Doch es gibt im Krankheitsverlauf häufig einen Tumor, der viel mehr wächst als alle anderen. Roberts größter Tumor befand sich an seinem rechten Handgelenk. Auf den ersten Blick sah es aus, als ob er eine Einkaufstüte trug. Minettes größter Tumor saß an einer viel empfindlicheren Stelle. Er begann an ihrem Nackenansatz, dort, wo die Haare aufhören. Und wie viel Leid er ihr verursachte! Menschen hatten Angst, sie anzufassen, sie musste die Ausgrenzung durch andere Kinder ertragen und Nachbarn sagten, die Familie sei verflucht.

Aber es wurde noch schlimmer. Als Minette einundzwanzig Jahre alt war, hatte der Tumor der Länge nach ihre Hüfte erreicht und wog 4,3 kg. Minette hatte Probleme beim Gehen, Stehen und Sitzen und mit anderen Dingen des Alltags. Um die Ausbeulungen des Tumors zu verbergen, trug sie übergroße T-Shirts. Die Ausgrenzung und der Spott hatten sie sehr ernst gemacht und sie lebte zurückgezogen. „Meine Mitmenschen behandelten mich nicht einmal wie ein menschliches Wesen. Ich hatte kaum Freunde“, erinnert sie sich. Die junge Frau hoffte all die Jahre auf Hilfe. Aber in der realen Welt gab keine guten Feen, die Wünsche erfüllen, oder?

Die Erfüllung ihres Wunsches kam mit über 400 ehrenamtlichen Mitarbeitern auf dem 16.5000 Tonnen schweren Hospitalschiff Africa Mercy. Einer Mannschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, gelebte Barmherzigkeit zu den Ärmsten der Armen zu bringen. Das sollte Minettes Welt und auch die ihres Vaters für immer verändern.

Beide hörten zum ersten Mal über eine Radioansage von Mercy Ships. Ein Hospitalschiff, das kostenlose medizinische Hilfe bringt – das schien fast zu schön, um wahr zu sein! Als sie den Plan fassten, das Schiff aufzusuchen, warnten die Dorfbewohner Vater und Tochter davor, dass man ihnen an Bord Organe entnehmen und Experimente an ihnen durchführen würde. Doch die verzweifelte Suche nach einer geeigneten Behandlung, ließ sie alle Warnungen in den Wind schlagen und Vater und Tochter machten sich auf den Weg. Nach drei Stunden in einem vollgestopften Bus erreichten sie nach drei Stunden das Schiff im Hafen von Tamatave.

Nach ihrer Ankunft wurde Minette von ehrenamtlichen Chirurgen und Mitarbeitern untersucht. Die Hoffnung auf Hilfe, an der sie so viele Jahre festgehalten hatten, schien real zu werden, als Vater und Tochter einen Termin für eine Operation erhielten. Doch das kaum vorstellbare innere Leiden hatte äußerlich sichtbare Spuren an Minette hinterlassen: Sie lächelte kaum, stellte keinen Augenkontakt her und verzog das Gesicht.

Am Morgen der OP halfen zwei Krankenschwestern Minette, sich auf den Eingriff vorzubereiten, indem sie den großen Tumor wuschen. Zwei Schwestern mussten ihn dafür gemeinsam anheben. Dieses Gewicht hatte Minette über so viele Jahre allein getragen! Der ehrenamtliche Chirurg Dr. Tertius Venter und sein Team hatten ein klares Ziel für den Eingriff: so viel wie möglich von Minettes Tumor zu entfernen, ohne ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken oder ihre Nerven zu schädigen. Die OP dauerte drei Stunden. Dann hatte das medizinische Team das große Neurofibrom entfernt.

Äußerlich sollten nur noch Narben an den Tumor erinnern. Doch stärker als der Wunsch, den Tumor loszuwerden, war Minettes Sehnsucht, geliebt zu werden. Die vielen Jahre der Ablehnung machten es ihr nicht leicht, die Liebe anzunehmen, die ihr an Bord entgegengebracht wurde. An den ersten Tagen nach dem Eingriff erhielt die junge Frau Bluttransfusionen. Die Mitarbeiter beteten für sie und pflegten sie mit viel Hingabe, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Jeden Tag erhielt sie viel liebevolle Fürsorge von den Krankenschwestern, Seelsorgern und anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern. So heilte nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Innerstes wandelte sich.

Irgendwann in dieser Zeit kam der Augenblick, in dem ein erstes Lächeln über ihr Gesicht huschte. Der Moment, in dem Minettes wahre Persönlichkeit zum Vorschein kam und ihre innere Schönheit und Freude sichtbar wurden. Seitdem hat Minette nicht mehr aufgehört zu lächeln.

Die Krankenschwester und Stationsleiterin für plastische Operationen, Stacia Julien, erzählt: „Es hat mich sehr berührt, mitzuerleben, wie jemand mit einem sehr geringem Selbstwertgefühl wie Minette anfing zu verstehen, dass sie geliebt ist und sich selbst annehmen darf. Jetzt leuchten ihre Augen und sie sprudelt nur so vor Freude.“

Nicht nur der Tumor ist aus Minettes Leben verschwunden, sondern auch die übergroßen T-Shirts. Sie stattet ihren Kleiderschrank jetzt neu aus mit den Stücken, die sie schon immer tragen wollte, aber nie konnte.

Während ihrer Nachsorge im HOPE-Center von Mercy Ships konnte Minette zum ersten Mal in ihrem Leben richtige Freundschaften schließen. Mit einer anderen Patientin namens Sarah spielte sie viel, lackierte ihre Fingernägel, redete über Mode und zwischen den beiden entwickelte sich eine besondere Freundschaft.

Neun Monate nach ihrem Eingriff hat Minette noch nicht aufgehört zu lächeln. Als sie gefragt wird, was ihr Leben am meisten verändert hat, denkt sie einen Moment nach und antwortet: „Früher hatten die Menschen Angst vor mir. Niemand wollte meine Haare anfassen. Jetzt ist das kein Problem mehr!“

Minette feierte ihre Veränderung mit einem lang erträumten Besuch beim Friseur und einer Feier anlässlich ihres eigenen Märchens – ihrer Version der Cinderella Geschichte. Und wer weiß … vielleicht wird es in ihrer Zukunft einen Prinzen geben, der von ihrem Lächeln fasziniert ist.

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