Zweite Heimat
Wenn Helfen zur größten Leidenschaft wird
„Falls du die Welt, die Medizin und auch dich selbst von einer anderen Perspektive erleben möchtest – dann ist das der place to be“, schwärmt Dr. Marcin Bierc (47). Mitte April feiert der Stuttgarter Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg ein besonderes Jubiläum. Seine große Leidenschaft, zu helfen, motiviert ihn, bereits zum 15. Mal ehrenamtlich für Mercy Ships zu arbeiten. Was ihn immer wieder zurück an Bord der Hospitalschiffe führt? Die außergewöhnlichen zwischenmenschlichen Begegnungen, die besondere Atmosphäre und die Erfüllung, anderen Menschen helfen zu können.
Neues Leben schenken
2014 war Bierc zum ersten Mal bei einem Einsatz von Mercy Ships dabei. Sein ehrenamtliches Engagement für die Hilfsorganisation führte ihn damals auf die Africa Mercy, die im Hafen von Pointe-Noire lag. In all den Jahren sammelte der 47-Jährige viele wertvolle Erfahrungen. Eine der eindrücklichsten war die Geschichte des Patienten Sambany im Jahr 2015. Dem Madagassen wuchs ein acht Kilogramm schwerer Tumor im Gesicht. In einer zwölfstündigen Operation konnte Dr. Bierc mit anderen Weltklasse-Chirurgen und 17 Crewmitgliedern den überdurchschnittlich großen Tumor entfernen. „Am Ende schenkten wir ihm ein neues Leben“, erinnert sich der Arzt.
Hands-on-Mentalität über den OP-Saal hinaus
Zwölf Jahre besteht der Kontakt zwischen Marcin Bierc und Mercy Ships nun schon. In manchen Jahren hat der Stuttgarter Chirurg gleich mehrere Einsätze auf den Hospitalschiffen absolviert. Keine Selbstverständlichkeit! Schließlich nehmen die Ehrenamtlichen meistens einen Teil ihres Jahresurlaubs, um Menschen zu helfen, die oftmals keinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben oder sich diese nicht leisten können. Biercs Hilfsbereitschaft führte ihn schon in zahlreiche afrikanische Länder wie Madagaskar, Benin, Guinea, Senegal, Kongo und Sierra Leone. Nicht immer half er nur im OP-Saal. 2023 renovierte er in Sierra Leone gemeinsam mit anderen Freiwilligen ein verfallenes Haus. Das gehörte der Familie eines jungen, schwer kranken Patienten. Das Renovieren des Hauses war eine riesige Überraschung für die Mutter und ihren Sohn. Große Glücksmomente, die den Stuttgarter bis heute bewegen. Bierc unterstützte die Familie nicht nur beim Haus. Auch beim Aufbau einer Existenz packte der Chirurg tatkräftig mit an. Bis heute hilft er der Familie aus Sierra Leone, ein Geschäft zu etablieren, um sich selbstständig den Lebensunterhalt zu verdienen.
In einem ländlich gelegenen Krankenhaus in Kamerun war Marcin Bierc schon drei Mal, um einem Mädchen mit schweren Verbrennungen zu helfen. Über einen Zeitraum von vier Jahren operierte Bierc das Mädchen zusammen mit seinem Mercy Ships-Kollegen Tertius Venter – einem plastischen Chirurgen. Der gesundheitliche Zustand der jungen Frau verbesserte sich durch die Eingriffe spürbar zum Besseren. Die beiden ehrenamtlichen Ärzte halfen dem Mädchen darüber hinaus auch finanziell. Dadurch konnte sie sich ein kleines Geschäft aufbauen, das sie bis heute betreibt. Für die mehrfache Mutter eine wunderbare Möglichkeit, sich und ihre Kinder eigenständig zu versorgen.
Viele Nationalitäten, viele Perspektiven
Ehrenamtliche von Mercy Ships kommen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt. Bierc hat Einsätze erlebt, bei denen weit über 40 Nationalitäten an Bord der Hospitalschiffe waren. Die Ehrenamtlichen bringen ihren vielseitigen Erfahrungsschatz aus ihrem Land und ihrer Tätigkeit mit und sorgen damit für eine große Bereicherung, die auch Marcin Bierc zu schätzen weiß: „Ich finde das super, dass man immer interessante Sachen lernt oder Dinge von neuen Perspektiven aus betrachten kann.“ In den afrikanischen Einsatzländern werden die Ehrenamtlichen manchmal auch mit gesundheitlichen Fällen konfrontiert, mit denen sie in ihren Heimatländern bisher keine Erfahrung hatten. „Nicht jeder hat alle möglichen Erfahrungen. Ab und zu müssen wir auch Kollegen in der Heimat anrufen oder andere Mitarbeiter auf dem Schiff um Rat fragen“, sagt der Chirurg. Genau diesen Austausch erlebt Bierc zum einen hochinteressant, zum anderen horizonterweiternd.
Wenn sich Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt
Die ehrenamtlichen Mediziner an Bord erfahren in ihren Heimatländern oft Stress und Hektik im Beruf. An Bord der Hospitalschiffe erlebt Bierc seine Arbeit anders: „Es gibt keine Hektik hier – wir arbeiten ganz anders als zuhause. Alle kommen freiwillig hierher und arbeiten umsonst. Deswegen schonen wir uns gegenseitig.“ Zu seinem Alltag in Deutschland ist ein Einsatz mit Mercy Ships eine spannende Abwechslung. Operiert der 47-Jährige nicht, lernt der Stuttgarter auch schon mal Land und Leute näher kennen: „Die Freizeit kann man wirklich genießen. Es stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung. In Madagaskar bist du zum Beispiel vom Schiff in nur zwei Minuten im Tropischen.“ Noch kürzer ist allerdings der Weg zu Biercs Lieblingsort. Denn das ist der Speisesaal an Bord der Hospitalschiffe. „Egal wann du kommst – es gibt Essen und immer jemanden, den du kennst.“ In der Gemeinschaft mit internationalen Kollegen vergaß der Chirurg schon so manches Mal die Zeit.
Es ist ein Nehmen und Geben
Marcin Bierc hat im Laufe der Jahre für sich festgestellt: „Mercy Ships ist ein besonderer Ort, einzigartig, mit wunderbarer Atmosphäre. Man gibt sehr viel, bekommt aber auch viel zurück.“ Jeder Einsatz war für den Arzt ein abwechslungsreiches Abenteuer – ein Abenteuer, das er jedem empfehlen kann: „Wenn man was Neues lernen und aus dem Alltag rauskommen möchte, dann ist das der richtige Ort.“
Hunger zu helfen
Mit jedem seiner bisher geleisteten Einsätze spürt der Stuttgarter Chirurg eine Veränderung in seinem Leben. „Die Menschen, die ich getroffen, und die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, formen mich als Menschen und Chirurgen.“ Die Mischung aus persönlichen Begegnungen, interkulturellem Austausch und der großen Liebe, Menschen zu helfen, lässt Marcin Bierc immer wieder zurück an Bord der Hospitalschiffe kommen. Die sind mittlerweile wie eine zweite Heimat für ihn geworden.
Vielen Dank, Marcin, für Deine Einsätze!
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berichtete über die Einsätze von Dr. Marcin Bierc.
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