Astou erfährt Hoffnung und Heilung

Endlich wieder ein würdevolles Leben – nach 20 Jahren voller Scham

Nachdem Astou 20 Jahre lang unter einer Geburtsfistel und den damit verbundenen Folgen gelitten hatte, wurde sie Dank einer kostenlosen Operation von Mercy Ships geheilt. Endlich muss sie sich nicht mehr vor Scham verstecken und kann ihrer Zukunft hoffnungsvoll entgegenblicken.

Astou war 20 Jahre alt, als ihr Leben eine unerwartete Wendung nahm. Zu diesem Zeitpunkt war sie verheiratet und erwartete ihr erstes Kind. Sie hatte eine enge Beziehung zu ihrer Familie, die sie sehr unterstützte, und war in ihrem Heimatdorf gut vernetzt. Ihre Zukunft sah vielversprechend aus.     

Doch als sie nach einem Not-Kaiserschnitt aufwachte, merkte Astou schnell, dass etwas nicht stimmte. Die anstrengenden Wehen vor der OP hatten innere Verletzungen verursacht und zu einer Geburtsfistel geführt.

Leben mit einer Geburtsfistel

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben schätzungsweise 2 Millionen junge Frauen in Subsahara-Afrika und Asien mit einer Geburtsfistel. Zwar sind Fisteln mit der richtigen medizinischen Versorgung weitgehend vermeidbar. Doch wenn eine Fistel erst einmal entstanden ist, muss die betroffene Frau in der Regel operiert werden.

Da sie sich eine solche Operation nicht leisten konnte, musste Astou die nächsten 20 Jahre mit der Fistel leben. Sie wurde inkontinent und schämte sich deswegen sehr. Tragischerweise verlor Astou während der schwierigen Geburt auch ihr Baby. „Ich war einen Monat lang bettlägerig und konnte weder aufstehen noch irgendetwas anderes tun“, erinnert sie sich an diese schwierige Zeit.

Soziale Ausgrenzung

Als klar war, dass Astou künftig inkontinent sein würde, verließ ihr damaliger Ehemann sie. Auch war sie nicht in der Lage, weiter als Haushaltshilfe zu arbeiten und musste zurück zu ihren Eltern ziehen.

In vielen Fällen werden Frauen mit Fisteln von der Gemeinschaft gemieden, weil sie als unrein gelten. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit ist für die Betroffenen oft schlimmer als die Krankheit an sich.

Doch trotz der Ablehnung durch ihren Ehemann stand Astous Familie ihr zur Seite. Obwohl sie es sich nicht leisten konnten, der jungen Frau medizinische Hilfe zukommen zu lassen, unterstützen sie Astou wo sie nur konnten. 

„Meine Familie hatte Mitleid mit mir, niemand lehnte mich ab oder sagte etwas, was mir weh tat“, erinnert sich Astou. 

Aber selbst mit der Unterstützung ihrer Familie schränkte die Krankheit Astous soziales Leben ein. Sie isolierte sich aus Angst, dass sie Urin verlieren und stinken könnte. 

Die Hochzeit ihrer Schwester zu verpassen und sich vor den Gästen zu verstecken, war für Astou besonders schmerzhaft.  „Am Tag der Hochzeit habe ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen. Ich habe meiner Familie gesagt: Sagt ihnen nicht, wo ich bin, sagt ihnen einfach, dass ich nicht da bin.“  

Für Frauen, die an Inkontinenz leiden, ist es normal, gesellschaftliche Veranstaltungen und Familientreffen zu verpassen. In Afrika führt dies oft zu großer Einsamkeit, da soziale Beziehungen einen besonders hohen Stellenwert haben. Diese Trennung vom sozialen Umfeld führt zu einer zunehmenden Isolation der Betroffenen.

Liebe und Hoffnung blühen auf

Dennoch lernte Astou später Mamadou kennen – und ihre Hoffnung blühte wieder auf. Als er sein Interesse bekundete, sie zu heiraten, erzählte sie ihm sofort von ihrer Erkrankung und erwartete, dass er seinen Antrag zurücknehmen würde. 

„Das wird mich nicht davon abhalten, dich zu heiraten und alles zu tun, was ich kann, um dir medizinische Hilfe zu ermöglichen,“ antwortete er.

Nach der Hochzeit hielt Mamadou – ein Landwirt und Geschäftsmann – sein Versprechen und begann zu sparen, um Astou ins Krankenhaus zu bringen. Ein Arzt vor Ort bestätigte, dass ihr Zustand heilbar ist – allerdings sei dafür eine Operation erforderlich.

Doch dafür fehlte den Frischvermählten das notwendige Geld. Sie warteten und hofften weiter. In dieser Zeit erlebten sie auch ein kleines Wunder: Astou wurde schwanger und gebar eine kleine Tochter!

Dann hörten sie im Radio, dass Mercy Ships in den Senegal kommen würde, um kostenlose Operationen anzubieten.

Mamadou und Astou gingen zu einem Voruntersuchungstermin und wollten zunächst nur Astous Kropf behandeln lassen, einen geschwollenen Knoten in der Schilddrüse, der seit 10 Jahren gewachsen war. Doch da Mamadou wusste, dass die Geburtsfistel heilbar war, wagte er die Frage, ob man Astou auch deswegen operieren könne. Er hatte miterlebt, wie seine Frau jahrelang die Last ihrer unsichtbaren Krankheit allein ertrug und wollte ihr endlich Hilfe ermöglichen.

Die Antwort war besser als die Eheleute zu hoffen gewagt hätten: Astou würde an beiden Erkrankungen operiert werden, an der sichtbaren und der unsichtbaren!

Heilung auf der Africa Mercy

Im Alter von 40 Jahren wurde Astou zusammen mit 13 anderen Frauen wegen ihrer Geburtsfistel operiert. Genau wie sie hatten diese Frauen ebenfalls jahrelang nach Hilfe gesucht und konnten diese schmerzliche Reise nachvollziehen. „Als ich auf dem Schiff war, traf ich Frauen, die die gleiche Erkrankung wie ich hatten und vorher nicht geglaubt hatten, dass sie jemals gesund werden würden“, sagt Astou.

Die ehrenamtliche Krankenschwester Rachel Cooper aus den Vereinigten Staaten war eine der Pflegerinnen, die sich um Astou kümmerten, während diese sich einige Wochen auf der Krankenstation an Bord der Africa Mercy erholte. Ihr fiel auf, wie lebensfroh Astou nach der Operation wurde. 

„Zuerst war sie, wie viele Patienten, sehr zurückhaltend. Ihre Augen waren meist auf den Boden gerichtet und ihre Schultern waren ein wenig zusammengesunken. Und man konnte sehen, wie viel Scham damit verbunden war, eine Frau zu sein, die durch eine Geburtsfistel Urin verlor. Doch als ihre Behandlung voranschritt und es ihr immer besser ging, sah ich, wie sie auflebte.“

Hoffnungsvolle Veränderung

Astou spürte die Veränderung auch an sich selbst, vor allem während der besonderen Zeremonie, die Mercy Ships mit allen Frauen, die wegen Geburtsfisteln operiert werden, feiert. Im Rahmen dieses schönen Events bekommen alle operierten Frauen schöne neue Kleider geschenkt. 

„Ich wusste direkt nach der Operation, dass nichts mehr wie früher war“, staunt Astou.

Einige Monate später kam sie erneut ins Krankenhaus, um sich den Kropf entfernen zu lassen. Nach der erfolgreichen Operation konnte sie geheilt in eine neue Zukunft blicken. 

„Ich kann es kaum erwarten, gesund nach Hause zu meinem Mann und meiner Tochter zurückzukehren. Nun muss ich keine Angst mehr haben, krank zu werden und nicht mehr auf der Farm mitarbeiten zu können“, strahlt sie. 

Mamadou glaubt, dass Astous Veränderung nicht nur körperlicher Natur ist. „Seit sie behandelt wurde, ist sie frei und glücklich. Sie kann ausgehen und auch zu Hause Gäste glücklich und voller Freude empfangen.“

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Micha Knodt

berichtet als Referent für Presse- & Öffentlichkeitsarbeit gerne über unsere Patientinnen und Patienten.

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