Ein Monat, eine andere Welt
Zwischen Tränen, Krankheiten und Waka-Waka-Tänzen
Dr. Dr. Ulrike Speth ist 36 Jahre alt und arbeitet als Oberärztin in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Im Januar 2026 verließ die Hamburgerin ihr gewohntes Arbeitsumfeld. Ihr neuer Einsatzort: das Hospitalschiff Global Mercy. Im Interview erzählt sie von einem Monat mit Emotionen, bewegenden Begegnungen und Erfahrungen in Sierra Leone. Ein kurzer Einsatz, der noch lange positive Nebenwirkungen für sie haben wird.
Ulrike, Du warst zum allerersten Mal bei einem Einsatz von Mercy Ships dabei. Was hat Dich bewegt, mitzumachen?
Ich wollte so einen Einsatz schon machen, seit ich das erste Mal von Mercy Ships gehört hatte. Das war auf einem Kongress 2022. Damals hatte Mercy Ships dort einen Stand und stellte die Arbeit vor. Ich finde, so ein Einsatz ist einfach eine tolle Möglichkeit, das eigene Wissen und die Expertise in andere Länder zu bringen, in denen es keine oder kaum medizinische Versorgung gibt. Außerdem hat mich die Zusammenarbeit mit Kollegen gereizt, die aus der ganzen Welt zusammenkommen, um zu helfen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Das ist richtig energetisierend.
Was war das für ein Gefühl, als Du das allererste Mal auf die Global Mercy gegangen bist und Dir bewusst gemacht hast: Hier werde ich jetzt einen Monat leben und arbeiten?
Ich fand es sehr überwältigend. Die ersten Tage musste ich mir immer wieder klarmachen, dass ich jetzt wirklich hier bin. Wenn du so einen Einsatz noch nie zuvor gemacht hast, dann kannst du dir erstmal nur schwer vorstellen, wie es vor Ort tatsächlich aussieht. Die Global Mercy ist riesig – das ist eine Welt für sich. In den ersten Tagen habe ich mich ständig verlaufen. Wenn du nicht rausgucken kannst, sieht das Schiff von innen oft sehr ähnlich aus. Es hat eine Weile gedauert, sich zurechtzufinden.
Von Anfang an waren aber alle Leute an Bord wahnsinnig freundlich. Klar gab es erstmal sehr viele neue Informationen und gleichzeitig war es unglaublich euphorisierend, vor Ort zu sein, um endlich loslegen zu können.
Nachdem Du Dich dann eingelebt hattest – wie hat ein typischer Arbeitstag auf der Global Mercy ausgeschaut?
Der Tag ging immer mit einem guten Frühstück los. Ich hatte direkt unter dem Speisesaal gewohnt – das war ganz praktisch. Um 8 Uhr haben wir uns dann im OP versammelt und die Fälle besprochen, die am entsprechenden Tag behandelt werden sollten. Anschließend haben wir als Team gemeinsam gebetet. Danach sind wir Chirurgen zur Station, um unsere Visite zu machen. Und dann wurden die Patienten auch schon für die anstehenden Operationen vorbereitet. In der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie hatten wir sehr unterschiedliche Patienten. Deshalb gab es nicht immer denselben Tagesablauf. Manchmal hatten wir mehrere kleine Operationen, in anderen Fällen dauerte ein Eingriff den ganzen Tag.
Hat sich die Arbeit auf dem Schiff sehr von Deiner Arbeit in der Klinik unterschieden?
Ich habe schon gewisse Unterschiede und Eigenheiten auf dem Schiff festgestellt. Auf einem Hospitalschiff hast du ganz andere Ressourcen. Eine Blutbank gibt es beispielsweise nicht – die Crew selbst ist die Blutbank. Das heißt, ich konnte nicht einfach Blut nachbestellen. Dementsprechend musste ich die medizinischen Fälle auch anders planen als zuhause. Das fand ich alles schon sehr spannend. Das Schiff selbst habe ich insgesamt als sehr gut ausgestattet erlebt. Die medizinische Technik war sehr modern – damit konnte ich wirklich gut arbeiten. Aber ich musste mich bei so einem Einsatz schon daran gewöhnen, dass Dinge anders als im Alltag sind. Eine Pathologie vor Ort war auch nicht vorhanden. Proben konnte ich nicht einfach entnehmen und untersuchen lassen. Die wurden ausgeflogen und dementsprechend dauerte alles etwas länger als gewohnt.
Nicht nur die Infrastruktur war anders, die Patienten waren es auch. Was war das für ein Gefühl, Menschen zu helfen, die sonst keinerlei Chance auf Hilfe hätten?
Das war ein sehr ergreifendes Gefühl. Die Menschen, die Kinder, waren unglaublich lieb und aufgeschlossen. Ich wurde so herzlich empfangen. Eine Patientin, deren Tumor wir behandelt haben, war genauso alt wie ich. Sie musste per Fingerabdruck unterschreiben, weil sie nicht lesen und schreiben konnte. Als ich vor ihrem Bett stand, dachte ich, wie leicht die Rollen vertauscht sein könnten und wie sehr es einfach nur Zufall und Glück ist, dass ich als voll ausgebildete Chirurgin vor dem Bett stehe und Hilfe anbieten kann. Ich wurde sehr dankbar für die Möglichkeiten in meinem eigenen Leben und für das, was ich mitbringen konnte, um auf dem Schiff helfen zu können.
„Ich wurde sehr dankbar für die Möglichkeiten in meinem eigenen Leben und für das, was ich mitbringen konnte, um auf dem Schiff helfen zu können.“
Dr. Dr. Ulrike Speth
Du hast wahrscheinlich einige berührende Patientengeschichten erlebt. Gibt es eine Begegnung, die dir ganz besonders in Erinnerung bleiben wird?
Ich hatte eine Patientin, die war erst 20 Jahre alt. Sie wog nur 35 Kilo. Aufgrund einer Kiefergelenkankylose konnte sie ihren Mund nicht richtig öffnen. Nach der Operation saß die junge Frau mit einem Handspiegel in der Hand auf ihrem Bett. Ich konnte sehen, wie sie immer wieder vor dem Spiegel ihren Mund auf- und zumachte. Da musste ich schon schlucken – in diesem Moment liefen mir echt ein paar Tränen über das Gesicht.
Verständlich! Das berührt einen dann schon sehr. Für die afrikanischen Patienten geht mit einer Operation ein großer Leidensweg zu Ende. Wurde das von den Menschen dort auch groß gefeiert? Ich stell mir da gerade afrikanisch-fröhliches Temperament vor.
Ja, das war manchmal schon geballte Emotionalität. Ich erinnere mich an einen Patienten, der einen riesigen Tumor hatte. Er wog nur noch 44 Kilo, weil er sich kaum noch ernähren konnte. Drei Kilo seines Körpergewichts machte allein der Tumor in seinem Gesicht aus. Der war so groß wie eine Wassermelone. Nach der Operation wurde der Mann auf der Station aufgepäppelt. Die ganze Crew der Station hat gefeiert und getanzt, als er 60 Kilo auf die Waage brachte und entlassen werden konnte.
Außerdem war abends um 19 Uhr immer Waka-Waka-Time. Da hat das Personal die behandelten Kinder aus dem Bett geholt, die orthopädisch operierten Kinder wurden in Rollstühle gesetzt. Zur launigen Mercy-Ships-Playlist wurden die Kinder dann durch den Flur gefahren und alle haben getanzt. Die Leute so fröhlich zu erleben und nicht nur als kranke Patienten wahrzunehmen, war etwas sehr Einzigartiges. Es war so schön, die Lebensfreude und diese Leichtigkeit zu spüren, die bei alldem rüberkam.
Auch das Pflegepersonal vor Ort hat eine so freundliche, warme und nette Stimmung ausgestrahlt. Das war alles sehr ansteckend.
„Die Leute so fröhlich zu erleben und nicht nur als kranke Patienten wahrzunehmen, war etwas sehr Einzigartiges. Es war so schön, die Lebensfreude und diese Leichtigkeit zu spüren, die bei alldem rüberkam.“
Dr. Dr. Ulrike Speth
Da wächst Du doch automatisch näher mit den Patienten zusammen, oder?
Ja, absolut! Das liegt auch daran, dass die Patienten viel länger vor Ort sind als in Deutschland. Die Infrastruktur auf einem Hospitalschiff ist eine völlig andere als in einem deutschen Krankenhaus. In Sierra Leone hast du keine Physiotherapie und keine Logopädie. Das sorgt dafür, dass die Patienten viel länger auf Station auf dem Schiff bleiben, weil sie diese Leistungen von Mercy Ships bekommen. Die längeren Liegezeiten führen dann automatisch dazu, dass ein familiäres Verhältnis zwischen Patienten und Crew entsteht. Du nimmst als Ehrenamtlicher entsprechend auch ganz anders Anteil an den Schicksalen.
Du hast bei so einem Einsatz nicht nur Kontakt mit Patienten, sondern auch mit anderen Ehrenamtlichen. Wie hast Du die Zusammenarbeit mit den internationalen Kollegen erlebt?
Das war eine sehr spannende Erfahrung. Du gehst davon aus, dass die Arbeit im OP immer dieselbe ist. Das ist aber nicht so. Jeder Ehrenamtliche an Bord bringt eine andere OP-Kultur mit. Darf ich als Operateur mir die Instrumente selbst vom OP-Tisch nehmen oder nicht? Wichtige Frage! In Deutschland fängst du dir dafür vom Pflegepersonal einen Klaps auf die Finger ein. Auf dem Schiff waren aber alle superfreundlich. Es waren schließlich alle dort mit dem Ziel, zu helfen. Jeder opferte seine Freizeit und dementsprechend war auch eine große Offenheit vorhanden, zusammenzuarbeiten.
Die ersten Tage waren trotzdem herausfordernd. Ich hatte teilweise Wortfindungsstörungen im Englischen, weil ich die fachgerechten englischen Begriffe für manche Instrumente im OP nicht kannte. Das Pflegeteam im OP war auch erst kurz zuvor angekommen und musste sich dementsprechend auch erst noch orientieren. Mit Geduld und Verständigung mit Händen und Füßen hat das zum Schluss aber gut funktioniert.
Was war Dein persönliches Highlight während des Einsatzes?
Mein Highlight waren die Waka-Waka-Zeiten. Als die kleinen und großen Patienten teilweise sogar mit Gips, Verband und Magensonden in ihren Rollstühlen über den Flur gefahren wurden und dabei so viel Lebensfreude ausstrahlten – das war schon etwas sehr Besonderes.
„Mein Highlight waren die Waka-Waka-Zeiten. Als die kleinen und großen Patienten teilweise sogar mit Gips, Verband und Magensonden in ihren Rollstühlen über den Flur gefahren wurden und dabei so viel Lebensfreude ausstrahlten – das war schon etwas sehr Besonderes.“
Dr. Dr. Ulrike Speth
Wie würdest Du die Atmosphäre und das Miteinander auf der Global Mercy beschreiben?
Es war ein buntes kulturelles und sehr enges Miteinander. Du standest morgens auf, gingst in den Speisesaal zum Frühstück und warst plötzlich von vielen Menschen umgeben. Ich habe die Leute an Bord sehr aufgeschlossen und kommunikativ erlebt. Es herrschte immer eine gewisse Dynamik, weil ständig Ehrenamtliche an- und abreisen. Das alles führte aber auch zu einem schnellen Anschluss im Team. Das fand ich sehr schön.
Das Schiff hatte ansonsten sehr viele Annehmlichkeiten, die ich gar nicht erwartet hätte. Du konntest durch einen Schiffs-Shop bummeln, es gab ein Café, in der Spielecke konntest du dich zum Puzzeln zurückziehen. Wer wollte, hat sich beim Tischtennis, Pickleball oder im Fitnessstudio ausgepowert. Wenn du erstmal an Bord angekommen bist, konntest du ein sehr aktives Sozialleben genießen. Es war durchaus möglich, auf dem Schiff in Freizeitstress zu geraten.
Spürst Du nach all den Erlebnissen und Eindrücken, dass Du verändert nach Hause gekommen bist?
Ja. Ich finde schon, dass ich jetzt eine andere Perspektive auf viele Dinge habe. Ich bin auch nochmal anders dankbar für die Möglichkeiten, die ich in Deutschland und Europa habe. Viele Dinge, die wir für selbstverständlich erachten, sind es nicht. Und trotzdem kann Lebensfreude auch in den schwierigsten Lebensumständen vorhanden sein – gerade in den kleinen Dingen – und sei es nur ein kleiner Waka-Waka-Tanz auf dem Stationsflur.
Würdest Du einen zweiten Einsatz mit Mercy Ships machen? Wenn ja, warum?
Ja, auf jeden Fall! Ich fand das eine ganz tolle Erfahrung. Auf der einen Seite gleicht das Leben an Bord ein bisschen dem Leben in einer Bubble. Das war einfach eine Welt für sich. Aber es hat sich absolut gelohnt. Die Leute, die ich kennengelernt habe, die Freundschaften, die ich geschlossen habe, die Patienten, die ich operieren durfte – all das hat dafür gesorgt, dass ich eine sehr besondere und inspirierende Zeit erleben konnte.
Vielen Dank, Ulrike, für Deinen wertvollen Einsatz an Bord! Wir freuen uns, dass Du einen inspirierenden und horizonterweiternden ersten Einsatz hattest.
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