Eine Weltmeisterin an Bord der Global Mercy

Charlotte Schall bringt Herz, Sportgeist und Hoffnung in ihre Arbeit als Kinderkrankenschwester in Sierra Leone

Freunde und Familie kennen es inzwischen: Charlotte Schall zieht es immer wieder nach Afrika. Die 24-jährige Kinderkrankenschwester aus Bad Rappenau bei Heilbronn ist Leistungssportlerin und Weltmeisterin im Ultimate Frisbee. Im Januar war sie zu ihrem zweiten Einsatz an Bord der Global Mercy in Sierra Leone, diesmal auch in einer Leitungsfunktion. In Deutschland arbeitete sie an der Universitätsklinik Heidelberg auf der Kinderinsel, genauer auf der kinderonkologischen Station. Sie liebt es, Land und Kultur kennenzulernen, Beziehungen zu Menschen vor Ort aufzubauen und ein Stück von dem weiterzugeben, was sie selbst empfangen hat. Wir haben sie während ihres Einsatzes an Bord interviewt.

Liebe Charlotte, was hat Dich dazu bewegt, Dich bei Mercy Ships zu bewerben? Wann hast Du gemerkt: „Ja, das ist genau mein Platz“?

Ich war schon in verschiedenen afrikanischen Ländern und habe dort in Krankenhäusern oder für NGOs gearbeitet. Schon während meiner Ausbildung habe ich gemerkt, dass es mich ins Ausland zieht – besonders, wenn ich meine Arbeit als Kinderkrankenschwester damit verbinden kann.

Jedes Mal, wenn ich zurückkam, hatte ich dieses Gefühl von Erfüllung – das Gefühl, etwas zurückzugeben, wenn man bedenkt, wie privilegiert man selbst aufgewachsen ist.

Während meiner Ausbildung las ich dann in einer Fachzeitschrift einen Bericht über einen Einsatz mit Mercy Ships. Das ist mir im Kopf geblieben, und ich habe mir vorgenommen, mich nach zwei Jahren Berufserfahrung zu bewerben. Das habe ich getan – und es hat geklappt. Vor zwei Jahren war ich das erste Mal an Bord, und es hat mir sofort richtig gut gefallen.

Anfangs fiel es mir schwer zu akzeptieren, dass man nicht in Afrika lebt, sondern auf einem Schiff, das sich sehr „westlich“ anfühlt. Deshalb gehe ich nach der Arbeit oft an Land, um draußen etwas zu unternehmen. Auf dem Schiff ist man eben nicht wirklich in Afrika. Diese Begegnungen außerhalb sind für mich sehr wertvoll, weil man die Kultur, das Land, die Herausforderungen, aber auch die Schönheit viel intensiver erlebt.

„Jedes Mal, wenn ich zurückkam, hatte ich dieses Gefühl von Erfüllung – das Gefühl, etwas zurückzugeben, wenn man bedenkt, wie privilegiert man selbst aufgewachsen ist.“

Warum bist Du wiedergekommen?

Was mich immer wieder begeistert, ist die wertvolle Arbeit, die Mercy Ships leistet. Wir hatten letzte Woche einen Vortrag des einzigen Kinderchirurgen in ganz Sierra Leone. Bei einer Bevölkerung von rund acht bis neun Millionen Menschen ist das kaum vorstellbar! Das war schockierend. Ohne Mercy Ships hätten viele Menschen keine Chance auf eine Operation.

Die Energie auf der Station, die Dankbarkeit der Patienten und die Veränderungen, die man miterlebt, das lässt sich kaum in Worte fassen. Zu sehen, wie Patienten, Mütter und Pfleger zusammenfinden, wie sie aufblühen und wie viele besondere Momente wir jeden Tag erleben, das ist einfach unglaublich und hat mich schon beim ersten Einsatz begeistert.

Wie sieht ein typischer Tag für Dich aus? Was macht Dir besonders viel Freude?

Das hängt von der Schicht ab. Im Frühdienst betreue ich meist vier bis fünf Patienten – oft Kinder, aber auch Erwachsene.

Ich arbeite vor allem auf der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie oder Orthopädie. Meine Aufgaben reichen von Medikamentengabe über Verbandswechsel bis zu Ernährungsprotokollen, eben allem, was zur Pflege gehört.

Besonders wichtig ist mir aber das Dasein für die Patienten. Ich mache oft Musik an, dann kommt Leben auf die Station. Wir basteln, spielen, singen – gerade mit den orthopädischen Kindern, die wegen schwerer Gipse oft tagelang im Bett liegen. Da ist gute Stimmung einfach entscheidend.

Nach der Übergabe um 14:30 Uhr verbringen wir meist eine Stunde auf der Veranda. Dort ist immer viel los. Heute wurde eine Stunde lang gesungen, danach haben wir mit den Patienten getanzt, das war mega schön. Es ist bewegend zu sehen, wie Patienten sich öffnen. Viele tragen viel mit sich herum.

Abends gehe ich oft vom Schiff runter in die Stadt. Vor zwei Jahren habe ich dort zufällig Leute getroffen, die Ultimate Frisbee spielten. Da ich das auch zu Hause spiele, habe ich sie angesprochen. Jetzt im zweiten Einsatz spiele und trainiere ich jede Woche mit ihnen. Ich habe Scheiben, Schuhe und Sportkleidung aus Deutschland mitgebracht, das ist eine richtig schöne Erfahrung. Außerdem spiele ich oft Volleyball am Dock oder Fußball.

Du kommst aus dem Leistungssport – nimmst Du davon etwas mit in Deine Arbeit an Bord?

Ja, auf jeden Fall. Im Sport wie im Beruf ist es entscheidend, mit Herz dabei zu sein. Wenn man nur perfekt sein will oder etwas nur für andere tut, fehlt etwas. Mit Freude und Leidenschaft erreicht man viel mehr, das gilt auf dem Spielfeld genauso wie am Krankenbett.

Diese Zeit zeigt mir auch, dass viele Dinge, die wir als große Probleme sehen, eigentlich keine sind. Das merkt man sehr im Kontakt mit den Patienten. Sie sind mit so einfachen Dingen schon unglaublich glücklich und dankbar.

Letztes Jahr habe ich zusätzlich in einem lokalen Krankenhaus gearbeitet und werde nach meinem Einsatz bei Mercy Ships noch zwei Wochen dort sein. Diese Erfahrungen prägen mich sehr, weil man hautnah sieht, wie schwierig die Situation im Land ist. Das hat mein Bedürfnis, etwas zurückzugeben, noch mehr gestärkt.

„Im Sport wie im Beruf ist es entscheidend, mit Herz dabei zu sein. Wenn man nur perfekt sein will oder etwas nur für andere tut, fehlt etwas. Mit Freude und Leidenschaft erreicht man viel mehr, das gilt auf dem Spielfeld genauso wie am Krankenbett.“

Können wir noch ein bisschen auf Deinen Weltmeistertitel eingehen? Kannst Du kurz erklären, was Ultimate Frisbee ist und was Dich daran begeistert?

Gerne. Ultimate Frisbee wird in der Regel mit sieben Spielerinnen und Spielern pro Team gespielt. Das Spielfeld ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld. Ziel ist es, die Scheibe durch Pässe in die gegnerische Endzone zu spielen. Mit der Scheibe darf man nicht laufen, deshalb sind Laufwege, Timing und Teamarbeit extrem wichtig.                                                     

Was Ultimate Frisbee für mich besonders macht, ist, dass ohne Körperkontakt und ohne Schiedsrichter gespielt wird. Stattdessen gilt der sogenannte Spirit of the Game: Die Spielerinnen und Spieler sind selbst für die Einhaltung der Regeln verantwortlich und klären strittige Situationen durch Kommunikation. Das macht den Sport für mich sehr fair, respektvoll und menschlich.

Ende 2025 konnte ich mit der deutschen Nationalmannschaft den Weltmeistertitel im Beach-Ultimate (Mixed) in Portugal gewinnen, das war ein so bewegender Moment!

Ultimate Frisbee wird weltweit gespielt – auf Rasen, am Strand oder in der Halle. Es ist eine sehr athletische, schnelle und vielseitige Sportart. Gerade weil Werfen und Fangen mit der Scheibe technisch anspruchsvoll sind, braucht man am Anfang etwas Geduld. Genau das macht aber auch den Reiz aus. Ich liebe an Ultimate Frisbee nicht nur den Sport selbst, sondern auch die offene, unterstützende Community.

Gibt es besondere Patientenerlebnisse, die Dir in Erinnerung geblieben sind?

Da gäbe es viele. Besonders bewegt hat mich, dass ich diesmal Zwillinge wiedergetroffen habe, die ich schon vor zwei Jahren betreut hatte. Sie wurden damals an einer Lippenspalte operiert; jetzt war die Gaumenrekonstruktion dran. Ihre Mutter hat mich sofort erkannt und meinen Namen gesagt. Ich habe echt Gänsehaut bekommen, das war unglaublich schön, dass sie sich noch an mich erinnert hat.

Ich habe die Familie in den letzten zwei Wochen fast täglich betreut, und wir haben uns sehr gut verstanden. Die Zwillinge tanzen zu sehen, war einfach herzerwärmend. Generell ist es wunderbar, ehemalige Patienten wiederzutreffen, die zur Nachsorge hier sind – auch im Hope Center begegnet man immer wieder bekannten Gesichtern.

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die zwei Monate lang nicht essen konnte und künstlich ernährt wurde. Morgen darf sie zum ersten Mal wieder Suppe essen und dann auch wieder normales Essen. Ihre Freude war riesig, das war kaum in Worte zu fassen. Sie ist eine unglaublich fröhliche, charmante Frau. Ich freue mich so sehr mit ihr.

„Was ich in Deutschland manchmal vermisse, ist die Spontanität und Energie. Hier wird überall gesungen, getanzt, gelacht, ob auf der Station oder auf der Straße.“

Würdest Du sagen, die Zeit bei Mercy Ships hat Dich verändert?

Definitiv. Ich lerne unglaublich viel durch die Menschen, die ich hier treffe aus so vielen Ländern und Kulturen.

Dieses Mal habe ich viele Freunde aus verschiedenen afrikanischen Ländern gefunden. Es ist spannend zu merken, dass man über dieselben Themen spricht wie mit Freunden in Deutschland, obwohl die Hintergründe so unterschiedlich sind.

Ich merke, dass ich mich in internationalen Umgebungen sehr wohlfühle. Ich bin offen, komme leicht mit Menschen ins Gespräch und baue schnell besondere Verbindungen auf.

Was ich in Deutschland manchmal vermisse, ist die Spontanität und Energie. Hier wird überall gesungen, getanzt, gelacht, ob auf der Station oder auf der Straße.

Natürlich vermisse ich Familie und Freunde, aber da der Einsatz nur ein paar Monate dauert, ist das in Ordnung. Vielleicht fehlt mir auch mein Fahrrad – diese Freiheit (lacht). Aber insgesamt ist diese Zeit ein Geschenk, das ich auf keinen Fall missen möchte.

Liebe Charlotte, vielen lieben Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, um mit uns zu sprechen. Deine Einblicke sind unglaublich spannend, und es ist beeindruckend zu sehen, wie viel Freude, Energie und Leidenschaft Du in alles einbringst – ob in Deiner Arbeit oder im Sport. Für Deinen weiteren Weg wünschen wir Dir von Herzen alles Gute!

Sie möchten mit Herz und Können Leben verändern? Mercy Ships lebt von ehrenamtlichem Engagement. Werden Sie Teil der Mercy Ships Crews und engagieren Sie sich ehrenamtlich auf den weltweit einzigartigen Hospitalschiffen.

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Wir stehen Ihnen für alle Ihre Fragen gerne telefonisch unter 0 8191 98550-14 zur Verfügung. Mehr zu unseren Stellenangeboten finden Sie hier.

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Ein Monat, eine andere Welt

Dr. Dr. Ulrike Speth ist 36 Jahre alt und arbeitet als Oberärztin in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Im Januar 2026 verließ die Hamburgerin ihr gewohntes Arbeitsumfeld. Ihr neuer Einsatzort: das Hospitalschiff Global Mercy. Im Interview erzählt sie von einem Monat mit Emotionen, bewegenden Begegnungen und Erfahrungen in Sierra Leone. Ein kurzer Einsatz, der noch lange positive Nebenwirkungen für sie haben wird.

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Bild von Stefanie Odersky
Stefanie Odersky

interviewte Charlotte Schall zu ihrem Einsatz auf der Global Mercy.

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