„Es ist ein Wunder“

Wenn dir Geben so viel gibt

Ali Naddaf (46) ist schon viel rumgekommen auf der Welt. Entsprechend erfahren ist er mit anderen Nationalitäten und Kulturen. Mit seiner Familie lebt er derzeit in Mittelhessen. Naddaf ist leitender Oberarzt für endokrine Chirurgie in der Asklepios Klinik in Lich. Der Schilddrüsenexperte setzte seine Expertise im Januar 2026 für zwei Wochen in Sierra Leone ein – an Bord der Global Mercy. Ein ehrenamtlicher Einsatz, der ihn gestärkt, motiviert und dankbar nach Hause kehren ließ – mit dem großen Wunsch, Mercy Ships in Zukunft jährlich zu unterstützen.

Morgens um kurz nach acht – jeder strahlt

Ali Naddaf hat sich bewusst für einen zweiten Einsatz mit Mercy Ships entschieden. Es ist die außergewöhnlich positive und warme Atmosphäre an Bord der Hospitalschiffe, die ihn überzeugte, zurückzukommen. 2022 brachte der gläubige Christ sein medizinisches Können bereits auf der Africa Mercy im Senegal ein. Begeistert schaut er jetzt auf die Fotos seines letzten Einsatzes in Sierra Leone und erinnert sich: „Ich habe Bilder von unserem OP-Team, die sind morgens gegen kurz nach acht aufgenommen worden. Jeder strahlt darauf und wirkt glücklich. Ich glaube, das wirst du in Deutschland nicht erleben, dass ein 40-köpfiges Team aus Medizinern frühmorgens lächelnd, motiviert und entspannt in eine Kamera schaut.“

Motivation, die alle Hürden nimmt

Neben der tollen Atmosphäre im Team gibt es noch zahlreiche andere Gründe, die den 46-jährigen Chirurgen zu ehrenamtlichem Engagement bei Mercy Ships motivieren. „Ich habe auf der Global Mercy Kollegen getroffen, die teilweise über 20 Jahre älter waren als ich. Und manche von ihnen hatten mehr als 20 Stunden Flug hinter sich, weil sie aus den USA oder Australien anreisten. Alle waren sie erfüllt mit Nächstenliebe und dem großen Wunsch, den Menschen nach Jesu Vorbild zu helfen. Davor habe ich großen Respekt. Das gab mir auch selbst enorm viel Motivation.“

Naddaf empfand auch seinen zweiten Mercy-Ships-Einsatz nicht als kräftezehrend. Ganz im Gegenteil – trotz des Investierens von Zeit, Geld und Arbeit erlebte er die zwei Wochen auf der Global Mercy als ein Auftanken. „Du bekommst während des Einsatzes so viel zurück – sei es positives Feedback, Kraft, Dankbarkeit oder Zufriedenheit. Und all das, obwohl es die Patienten sind, die mit einem neuen Leben beschenkt werden.“

Die Frau des zweifachen Familienvaters unterstützt die ehrenamtlichen Einsätze ihres Mannes Ali, auch wenn dieser dadurch zwei Wochen nicht zuhause ist. Ihr Verständnis ist groß – schließlich war sie vor mehreren Jahren selbst in Äthiopien, um als Ärztin zu unterstützen. Naddaf schätzt den pragmatischen Nutzen seines Berufs: „Für mich war es immer wichtig, dass ich mit meinen beruflichen Fähigkeiten in Deutschland genauso dienen kann wie im Ausland. Das hat mich am Ende auch zu Mercy Ships geführt.“

Ein Arbeitsplatz zum Wohlfühlen

Nach seinem ersten Mercy-Ships-Einsatz auf der Africa Mercy konnte Ali Naddaf im Januar 2026 erste Eindrücke auf der Global Mercy sammeln. „Wow – das ist superschön hier“, schwärmt der ehrenamtliche Chirurg, wenn er an seine erste Begegnung mit dem Hospitalschiff denkt. Die Ausstattung des Schiffes übertraf die Vorstellungen des Arztes bei weitem. „Es war alles da: Restaurant, Sportbereich, Pool und die Ärzte haben eine eigene Kabine. Ich bin jemand, der nicht so viel braucht. Deshalb war das Angebot für mich mehr als komfortabel.“ Ein Wohn- und Arbeitsplatz, den Naddaf schnell zu schätzen lernte: „Die Abläufe auf dem Schiff waren gut organisiert, es gab ausreichend Räume für die unterschiedlichsten Zwecke – das lief alles auf hohem Niveau.“

Neuer Arbeitsort, neue Herausforderungen

Die Ausstattung und die Versorgung auf dem Schiff sind oftmals ein großer Kontrast zu dem, was in den jeweiligen Einsatzländern Standard ist. Die Arbeit in besonders armen Ländern bringt entsprechend neue Herausforderungen mit sich. Das bekam auch Ali Naddaf in Sierra Leone zu spüren: „Während meines Einsatzes gab es Logistikprobleme. Die Wasserversorgung auf der Global Mercy wurde knapp. Täglich hörte ich Aufrufe, weniger Wasser zu verbrauchen. 50 Tonnen Wasser werden jeden Tag an Bord verbraucht. Es konnten aber nur 10 Tonnen täglich geliefert werden.“ Flexibilität und Anpassungsfähigkeit waren in so einer Situation gefragt. Das bedeutete dann beispielsweise auch, dass die Crew phasenweise nur einen Teller und ein Besteck pro Tag benutzte, um den Wasserverbrauch an Bord gering zu halten.

Spiegelbild der Freude

In Ländern wie Sierra Leone werden viele Menschen nicht gesundheitlich versorgt. Oftmals fehlen das nötige Geld und ein funktionierendes Gesundheitssystem. Die Folge ist, dass die Leute teilweise jahrelang unversorgt bleiben. Tumore können dadurch außergewöhnlich groß werden. Das führt zu starken äußerlichen Veränderungen der Betroffenen und zu extremen psychischen Belastungen. Naddaf spürte das bei seinem zweiten Einsatz: „Die Patienten werden gesellschaftlich oft ausgegrenzt. Kulturelle und religiöse Ansichten führen nicht selten dazu, dass kranke Menschen beschuldigt werden, in Sünde zu leben oder vom Teufel besessen zu sein.“ Umso wichtiger ist eine gut verlaufene OP für die Patienten. Sie sorgt nicht nur für körperliche Gesundheit, sondern auch für mentale Vitalität. „Viele Patienten wollen nach einer Operation nichts trinken oder essen. Sie möchten als Erstes einen Spiegel, um zu prüfen, dass der Tumor wirklich verschwunden ist“, erklärt der Schilddrüsenchirurg.

Freud und Leid

Seinen Mercy-Ships-Einsatz in Sierra Leone erlebte Naddaf deutlich intensiver als seinen Einsatz im Senegal. „Es war dieses Mal ein besonders starkes Gefühl, notleidenden Menschen helfen zu können. Oftmals war es aber ein Spagat zwischen schönen und traurigen Momenten. Die Menschen im jeweiligen Einsatzland verbinden eine unbeschreibliche Hoffnung mit dem Schiff. Manchmal ist Mercy Ships die einzige Hoffnung, die sie noch haben. Allerdings müssen wir in speziellen Fällen auch Nein zu Operationen sagen, weil wir gewisse Dinge an Bord nicht behandeln können. Auch wenn sich das Schiff zur Wartungsphase verabschiedet, schließt sich für viele Menschen die große Tür der Hoffnung.“ Mit diesem Wissen im Hinterkopf entwickelte sich ein großer Ansporn bei Ali Naddaf. Die ihm zur Verfügung stehenden zwei Wochen wollte er so effektiv wie möglich nutzen, um möglichst vielen Patienten helfen zu können.

Vielfalt, die bereichert

Die vielen Begegnungen mit anderen Ehrenamtlichen an Bord haben den hessischen Chirurgen bereichert. „Jeder brachte seine Sprache, seine Kultur und seine Mentalität mit aufs Schiff. Und trotz der Unterschiedlichkeit hatten alle ein gemeinsames Ziel: Menschen hochmotiviert mit aller Kraft zu helfen – egal, wie sie denken, egal, an was sie glauben, egal, welche Hautfarbe sie haben.“ Diese Erfahrung hat Naddaf sehr horizonterweiternd erlebt: „Der kraftvolle Austausch mit den Kollegen gab mir Energie und Motivation für die Arbeit auf der Global Mercy.“

Ungewohnte Vertrautheit

In ihren Heimatkliniken arbeiten die Ehrenamtlichen mit Kollegen zusammen, die sie gut kennen. Das Team ist sich vertraut, spricht die gleiche Sprache, kennt den Arbeitsstil und die vorhandene Ausstattung. All das ist auf einem Hospitalschiff nicht gegeben. Trotzdem stellte Naddaf zu seinem Erstaunen fest: „Die Zusammenarbeit hat auf wundersame Art und Weise sehr gut funktioniert. Obwohl ich mit den Kollegen teilweise zum ersten Mal zusammengearbeitet hatte, fühlte es sich so an, als wären wir schon jahrelang in einem Team. Das ist unglaublich – es ist ein Wunder.“

„Der Tumor ist weg, aber ich bin geblieben“

Ali Naddaf hat in seiner Einsatzzeit zahlreiche Patienten behandelt. Doch an diesen Fall wird er sich noch lange erinnern: Einem jungen Mann entfernte er einen anderthalb Kilogramm schweren Tumor an der Schilddrüse. „Der Tumor war so groß wie ein Kopf. Die OP war kein Spaziergang. Am Ende hatte aber alles super funktioniert.“ Unvergessen bleiben dem ehrenamtlichen Chirurgen die bewegenden Worte des Patienten nach der OP: „Der Tumor ist weg, aber ich bin geblieben.“ Es sind Worte wie diese, die einem Chirurgen klarmachen, wofür sie ihre wertvolle Arbeit an Bord machen.

Dankbarkeit neu entdeckt

Der 46-jährige Schilddrüsenexperte kehrte nach seinem Einsatz in Sierra Leone vor allem mit neuer Dankbarkeit zurück: „Ich bin jetzt viel dankbarer, weil ich den Vergleich habe, was wir in Deutschland alles haben. Sie können sich nicht vorstellen, in wie vielen Ländern deutlich schlechtere Bedingungen herrschen. Und das meine ich nicht nur in medizinischer Hinsicht – auch in sozialer. Die Lebensqualität ist in Deutschland natürlich auch viel höher.“ Sehr berührt wurde der Vater zweier Kinder, als er in seiner Freizeit eine Kinderklinik besuchte. „Das sind Zustände, die können wir uns nicht vorstellen. Auf den Krankenbetten lagen teilweise bis zu drei Kinder – quer! Die Klinik hatte keine Fenster, im Innenbereich herrschten Temperaturen um die 30 Grad. Es gab keine Ventilatoren und kein Wasser.“ Mit diesem Erfahrungsschatz möchte Naddaf auch die eigenen Probleme in Deutschland mit mehr Gelassenheit annehmen – immer mit dem Bewusstsein, dass es Zustände in Ländern gibt, die deutlich dramatischer sind. Für den ehrenamtlichen Arzt Grund genug, eines Tages wieder an Bord zu gehen, um Menschen Hoffnung und Heilung zu ermöglichen.

Vielen Dank, Ali, für Deinen Einsatz!

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Bild von Thomas Sochocki
Thomas Sochocki

berichtete über den Einsatz von Ali Naddaf.

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