In Würde bis zuletzt

Ein Gespräch über Nähe, Trost und Menschlichkeit in der Palliativmedizin bei Mercy Ships

Die Bilder, die viele mit Mercy Ships verbinden, erzählen von Hoffnung: Menschen, die nach einer erfolgreichen Operation wieder lachen, arbeiten und zu Hause freudig erwartet werden. Doch es gibt auch Geschichten, die anders verlaufen. Denn nicht jede Geschichte endet mit einer Operation. Manchmal ist Heilung nicht mehr möglich. Gerade dann beginnt eine andere, ebenso wertvolle Form der Hilfe: Menschen auf ihrem letzten Lebensweg mit Würde, Mitgefühl und möglichst ohne Schmerzen zu begleiten.

Dr. Franziska Kaestner ist 52 Jahre alt, Fachärztin für Pneumologie und Palliativmedizin, Mutter von vier Kindern und gebürtige Berlinerin. Mehr als zwei Monate war sie als ehrenamtliche Stationsärztin auf der Global Mercy im Einsatz und unterstützte mit ihrer Expertise zusätzlich das Palliativteam von Mercy Ships. Im Interview spricht sie über die würdevolle Begleitung von Menschen, deren Hoffnung jenseits medizinischer Heilung liegt.

Liebe Frau Dr. Kaestner, als Teil des Palliativteams von Mercy Ships haben Sie Menschen in Sierra Leone ganz nah in der letzten Phase ihres Lebens begleitet. Wie engagiert sich Mercy Ships in diesem hochsensiblen Bereich der medizinischen Versorgung?

Menschen kommen zu uns mit Erkrankungen, unter denen sie bereits seit vielen Jahren, manchmal Jahrzehnten, leiden. Chirurgische Hilfe gibt es in diesen Ländern kaum, sie ist zu teuer und meist nicht sicher. Die gesundheitliche Versorgung ist also äußerst prekär. Nicht selten setzen Patienten ihre buchstäblich letzte Hoffnung auf Mercy Ships.

Wenn sich dann bei der Untersuchung herausstellt, dass es für sie keine medizinische Hoffnung mehr gibt, ist das unendlich tragisch. Und da ist es uns ein tiefes Anliegen, dass gerade diese Menschen nicht alleingelassen werden. Denn oftmals leben sie bereits stark isoliert und zurückgezogen und erhalten kaum Hilfe und Unterstützung.

In einem Land wie Sierra Leone ist eine palliativmedizinische Versorgung grundsätzlich eine große Herausforderung. Das Team aus spezialisierten Pflegekräften kümmert sich hierbei dann nicht nur um körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Atemnot oder Wunden, sondern auch um psychische, soziale und seelsorgerliche Fragen – immer mit Blick auch auf die ganze Familie und das Umfeld. Oft bleibt das Team über Wochen bis Monate in Kontakt, solange das Schiff im Land ist, und be-
sucht eine kleine Gruppe von Patienten regelmäßig.

Wie sieht diese Realität vor Ort aus? Welche konkreten Herausforderungen sind das, mit denen Sie konfrontiert waren?

Ein Beispiel: Eine 28-jährige Frau stellte sich mit einem fortgeschrittenen Gesichtstumor an Bord vor. Die Diagnostik zeigte, dass der Tumor bereits ins Gehirn vorgedrungen war und einen chirurgischen Eingriff unmöglich machte. In diesem Fall beginnt die häusliche Betreuung durch das Palliativteam und die Seelsorge von Mercy Ships.

Das Fortschreiten der Erkrankung und ein nachfolgender Schlaganfall führten zu schweren neurologischen Ausfällen, Schmerzen durch eine
sich ausbildende Spastik, tumorbedingten Kopfschmerzen sowie zu einer Pflegebedürftigkeit dieser jungen Patientin.

Die Realität in diesen Ländern ist für uns in Deutschland kaum vorstellbar: Die Patientin lag in ihrem Zuhause nur auf einer dünnen Matratze auf dem Erdboden. Rauchentwicklung durch offenes Feuer in der Hütte, Insektenbefall sowie streunende Tiere im Wohnbereich erschwerten die Situation erheblich. Die Privatsphäre war stark eingeschränkt. Die lokal verfügbaren Medikamente beschränkten sich auf Ibuprofen und Paracetamol. Mercy Ships konnte hier dann weitere Präparate zur Symptomlinderung bereitstellen. Schreiner von Mercy Ships fertigten ihr ein Kopfteil an, sodass wenigstens ein aufrechtes Sitzen, z. B. zum Essen, möglich war.

Es war der Wunsch der Patientin, zu Hause zu bleiben, den wir konsequent respektierten. Ganz wichtig ist es auch, stets auf die kulturellen Gepflogenheiten zu achten und Vertrauen insbesondere auch mit dem familiären Umfeld aufzubauen.

Trotz dieser immensen Herausforderungen konnten wir letztlich die Beschwerden lindern. Es ist möglich, Menschen auch unter diesen Umständen einfühlsam und würdevoll zu begleiten.

Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Besonders bewegt hat mich ein Patient, den wir palliativ in Freetown besucht haben. Er lebte mit massiven Schmerzen, deutlichen körperlichen Veränderungen und in äußerst schwierigen sozialen
Verhältnissen – und strahlte dennoch eine unglaubliche Würde und Dankbarkeit aus.

Während wir im Team das Gefühl hatten, dass unsere Hilfe nicht genug ist, hat er uns Frieden geschenkt – mit seiner Situation, mit unseren Grenzen, mit der Tatsache, dass Heilung nicht immer möglich ist. Diese Begegnung hat mich sehr demütig gemacht. Ihn werde ich nicht vergessen.

Was haben Sie persönlich aus dieser Zeit und den Erfahrungen mitgenommen?

Zeit für Begegnungen ist für mich noch wichtiger geworden. Offenheit für andere Perspektiven, Neugier auf Menschen und Flexibilität beim Arbeiten und im Alltagsleben prägen das Leben an Bord.
Daraus sind bei mir eine tiefe Entspanntheit und Erdung sowie eine große Dankbarkeit entstanden, die bis heute anhalten.

Liebe Frau Dr. Kaestner, vielen herzlichen Dank für dieses sehr eindrückliche Gespräch.

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Bild von Dominic Pithan
Dominic Pithan

interviewte Dr. Franziska Kaestner.

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