Für Einzelne die Welt verändern

Dramaturgin besucht Mercy Ships für ein neues Theaterstück

Maria Isabel Hagen, Dramaturgin und Öffentlichkeitsreferentin beim „Brachland Ensemble“, berichtet von ihren eindrücklichen Erlebnissen bei Mercy Ships. Anfang September hatte sie die Africa Mercy in Kamerun besucht, um für ein neues Theaterstück mit dem Titel "Revolution - Alles wird gut" zu recherchieren. es wird am 10. November 2017 in Aachen uraufgeführt. Notizen aus ihrem Reisetagebuch:

Mercy Ships hat mich als „Media Guest“ eingeladen, ich werde insgesamt vier Tage an Bord in Kamerun verbringen. Zusammen mit meinem Kollektiv aus freien Theaterschaffenden, dem „Brachland-Ensemble“, bin ich nun seit einem Jahr auf der Suche nach Projekten und Einzelpersonen, die sich für eine Verbesserung der Welt einsetzen. Für unser dokumentarisches Theaterstück „Revolution - Alles wird gut“ sind wir weltweit unterwegs und interviewen Menschen zu ihrer Arbeit und dazu, wie sie glauben, dass sich die Welt verändert. Für Mercy Ships ist mein Besuch ungewöhnlich, es war noch nie jemand vom Theater da, in den vorhergehenden Skype Telefonaten stelle ich fest: Wir sind alle ein bisschen aufgeregt.

An Bord werde ich wie ein Crewmitglied empfangen: Ich bekomme eine Karte, mit der ich mich selbstständig an- beziehungsweise abmelden kann. Außerdem habe ich meine eigene Kabine, die ich alleine bewohne (8-Bettzimmer entsprechen eigentlich dem Standard). Dort liegen Kekse auf meinem Kopfkissen, an der Tür hängt ein Willkommensgruß. Die Klimaanlage scheint seit Tagen eifrig bei der Sache zu sein, sie hat aus meinem Zimmer einen Eisschrank gemacht. Meine Fenster sind zugeschraubt, erlauben aber einen malerischen Blick auf das Industriegebiet am gegenüberliegenden Ufer.

Viele Wiederholungstäter

Bei der anschließenden Führung werde ich jedem Crewmitglied, dem wir begegnen, vorgestellt. Das Schiff ist riesig. Es hat acht Etagen mit insgesamt fünf OP Sälen. Beim Abendessen sitze ich mit einer größeren Gruppe von Deutschen zusammen. Es sind ausschließlich Frauen. Insgesamt überwiegt der Frauenanteil auf dem Schiff. Auf meine Nachfrage hin, warum das so sei, wird mit den Schultern gezuckt. Der Beruf der Krankenschwester, und davon brauche es viele bei Mercy Ships, sei eben einer, der überwiegend von Frauen ausgeführt werde. Wie ist es, zurückzukommen, wenn man zum Beispiel länger als drei Monate unterwegs war? Das sei nicht leicht. „Umgekehrter Kulturschock" nennt man das, wenn man zuerst von der Kultur eines fremden Landes geschockt sei und dann erst recht von der eigenen, nachdem man sich in das Fremde eingelebt hat und dann nach Hause zurückkommt. Das einzige, was dagegen helfe, sei wiederum auf das Schiff zurück zu kommen. „Viele Leute, die bei Mercy Ships angefangen haben, sind Wiederholungstäter", sagt Silke, Pflegerin in der Anästhesie, lächelnd.

Was kann ich aushalten?

Dann komme ich zum ersten Mal mit in den OP. Als ich gefragt werde, wie „blutfest“ ich bin, also, was ich zu sehen aushalte, erzähle ich munter, dass ich mal in einem OP bei einem Gynäkologen gearbeitet habe (das ist allerdings mittlerweile gut zehn Jahre her). Im OP beschreibt mir der Arzt anhand von Knete, wie er bei dem ersten Patienten vorgehen wird. Es handelt sich um einen zwölfjährigen Jungen, dessen Beine komplett verdreht sind. Auf einem Video ist zu sehen, wie er läuft: O-beinig und schwerfällig wie ein alter Mann schiebt er sich nach vorne, dabei zeigen seine Füße genau in die andere Richtung, trotzdem lächelt er in die Kamera.

Der Arzt erklärt, dass diese Verformungen nichts typisch Afrikanisches sind, es gebe sie ebenso in Europa oder den Vereinigten Staaten. Nur würden dort solche Verformungen früh erkannt und sofort behandelt, so dass man die Veränderungen der Beine, in dem Ausmaße wie wir sie hier antreffen, zu Hause nie zu Gesicht bekäme. Sachlich beschreibt er mir, wie er dem Jungen beide Knochen unterhalb der Knie durchsägen, drehen und wieder annähen wird. Bei mir dreht sich plötzlich auch alles. Ich habe Sorge, dass ich mich mit meinen OP Erfahrungen eventuell etwas weit aus dem Fenster gelehnt haben könnte. Doch da wird der Patient schon hereingetragen. Ich versuche unauffällig, mich in der Nähe der Tür aufzuhalten. Seine Beine können ohne Komplikationen neu ausgerichtet werden. Beim Teil mit der Säge schleiche ich mich aber doch raus.

Fröhlich mit Klumpfüßen Fußball spielen

Im Hope Center, in dem die Patienten außerhalb des Schiffes untergebracht sind, spielen die Kinder in einer großen Gruppe, sie verstecken sich voreinander und machen mit ihren total verdrehten Beinen und ihren Klumpfüßen sogar Wettrennen. Beim Beobachten der spielenden Kinder fällt mir auf, wie ich sie durch meine persönliche Maske des Bedauerns angeschaut habe. Ich bin regelrecht überrascht davon, wie fröhlich und ausgelassen die Kinder sind. Die Antwort auf meine Frage, was sie am liebsten spielen, ist ausnahmslos „Fußball“, ganz egal, ob die Fußsohlen zum Himmel zeigen oder die Knie in die andere Richtung geknickt sind.

Kann eine einzelne Person die Welt ändern? Sicher nicht. Auf dem Schiff sagt man mir: „Ein Mensch kann für eine andere Person die Welt ändern.“ Lohnt sich das? Verformte Beine liegen häufig an einer Mangelernährung, die bakteriellen Infektionen könnten ganz einfach mit Penicillin behandelt werden. Macht es nicht Sinn, die Ursachen zu bekämpfen? Sollte man nicht eher an der Wurzel ansetzen? Bestimmt, das sollte man. Trotzdem lohnt es sich, den Grauen Star einer 45-jährigen zu behandeln und ihre getrübte Linse auszutauschen. Dadurch ist sie nicht mehr auf die dauernde Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Darüber hinaus gibt es den Einzelnen eine eigene Lebensqualität und Würde zurück. Lohnt es sich also? Ja, für jeden Einzelnen.

Maria Isabel Hagen

Das Brachland-Ensemble, 2011 gegründet, ist eine freie Gruppe professioneller Theater- und Kulturschaffender aus den Bereichen Schauspiel, Performance, Tanz und Film. Ihre Projekte entstehen im Spannungsfeld von Darstellender Kunst, Dokumentation und Installation und werden in wechselnden Konstellationen erarbeitet. Projektbezogen stoßen KünstlerInnen aus weiteren Bereichen hinzu.

Das dokumentarische Theaterstück „Revolution - Alles wird gut“, in dem auch Mercy Ships vorkommt, wird am 10. November im Theaterhaus Aachen seine Premiere feiern. Weitere Vorstellungen in Nürnberg und Kassel sind aktuell bis April 2018 geplant. Weitere Infos zu Terminen hier

Foto im Header: Orthopädie-Patienten im Hope-Center in Kamerun
Index-Foto: Maria Isabel Hagen mit Teammitgliedern von Mercy Ships. Foto: Hagen
Veröffentlicht am 27.10.2017

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