„Der jüngste Arzt der Station“
Davids Weg mit Mercy Ships
Am Ende einer langen, staubigen Straße, rund 200 Kilometer von Bo entfernt, liegt das kleine Dorf Sama Nywalinga in Sierra Leone. Hier beginnt Davids Geschichte – ein Junge, dessen Leben sich schon im Kleinkindalter für immer verändern sollte.
Mit nur einem Jahr erleidet David einen schweren Unfall: Kochendes Wasser verursacht Verbrennungen an Kopf, Unterarm und Körperseite. Unmittelbar nach dem Unfall bringt ihn seine Großmutter ins nächste Krankenhaus. Doch außer einer Salbe gibt es keine Hilfe. Fast zehn Jahre lang bleibt Davids Zustand unverändert. Ein weiterer Krankenhausbesuch endet erneut ohne Hoffnung – die Verletzungen sind zu komplex für die Möglichkeiten vor Ort. Die Narben bleiben also, und während die Wunden heilen, zieht sich die Haut an seinem rechten Arm durch die Verletzungen so stark zusammen, dass er ihn nicht mehr strecken kann.
Doch die körperlichen Schmerzen sind nur ein Teil seines Schicksals. Nach dem Unfall verlässt seine Mutter die Familie. Die Leere, die sie hinterlässt, begleitet David durch seine Kindheit. „Ich weiß, wer meine Mutter ist, aber sie kümmert sich nicht um mich“, sagt er leise. Er glaubt, ihr Weggang sei vielleicht seine Schuld.
Die Schule, für viele ein Ort der Geborgenheit, wird für David zur täglichen Herausforderung. Die Narben machen ihn zum Ziel von Spott und Mobbing. „Ich mag es nicht, zur Schule zu gehen. Sie nennen mich ‚Junge mit verbrannter Hand‘. Das tut weh“, erzählt er.
Doch dann hört seine Großmutter eines Tages von Mercy Ships. Zum ersten Mal kommt Hoffnung auf: Vielleicht gibt es doch eine Chance auf Heilung und einen Neuanfang für David.
Ankunft bei Mercy Ships
David und sein Cousin Kamanda machen sich auf den Weg nach Freetown – fünf Stunden Fahrt, alles, was sie dabeihaben, ist eine kleine Tasche mit dem Nötigsten. Im HOPE-Center angekommen werden sie herzlich empfangen. Hier werden Patientinnen und Patienten auf ihre Untersuchungen und Operationen an Bord der Global Mercy vorbereitet.
Zu Beginn ist David zurückhaltend. Die neue Umgebung, das bunte Treiben auf dem Hospitalschiff und die vielen Ärzte und Pflegekräfte aus aller Welt sind ungewohnt. Doch wie so viele Kinder blüht auch David in der liebevollen Gemeinschaft schnell auf.
Schon nach kurzer Zeit ist er nicht mehr nur Patient: Jeder an Bord kennt David, der mit seiner Lebensfreude und Energie alle ansteckt. Besonders mit Mathew und Ibrahim, zwei anderen Jungen, schließt er schnell Freundschaft – das Trio ist bald unzertrennlich.
„Sie sind wie die drei Musketiere“, sagen die Krankenschwestern und beobachten, wie die Jungen lachend durch die Gänge ziehen.
David wird zum Mittelpunkt der Station. Mit seinem strahlenden Lächeln winkt er Passanten durchs Fenster zu, klopft ans Glas und sucht stets Kontakt. Selbst die Ehrenamtlichen außerhalb der Krankenstation kennen bald seinen Namen und sein fröhliches Winken.
Was alle besonders beeindruckt: Davids Begeisterung für das medizinische Team. Er folgt den Ärzten durch die Flure, imitiert ihre Bewegungen, untersucht andere Kinder, stellt „Diagnosen“ und kontrolliert „Patientenakten“. Die Freude darüber ist auf der ganzen Station spürbar.
Noch vor wenigen Monaten wurde David in seinem Dorf „Junge mit der verbrannten Hand“ genannt. Jetzt hat er einen neuen Namen gefunden: „Der jüngste Arzt der Station“.
Lebensverändernde Operation
Unter den erfahrenen Händen des niederländischen Chirurgen Dr. Tjeerd de Jong und der Stationsleiterin Jannietha Kramer wurde David operiert. Ziel des Eingriffs war es, die Kontraktur zu lösen, die seinen rechten Arm fast zehn Jahre lang schmerzhaft eingeschränkt hatte.
Dr. de Jong kennt die Herausforderungen, mit denen viele Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen konfrontiert sind.
„Offene Feuerstellen und heißes Wasser oder Öl gehören dort zum Alltag. Wir sehen immer wieder Patienten mit schweren Verbrennungen an Händen und Füßen, doch oft fehlt es an grundlegender medizinischer Versorgung.“
– Dr. de Jong
Bleiben Verbrennungen unbehandelt, können die Folgen gravierend sein: „Wenn der Patient überlebt, bleiben große Wunden zurück. Die Haut stirbt ab, das Gewebe schrumpft, und die Narben ziehen an den Gelenken – so wie bei David.“
Davids Operation dauerte zwei Stunden.
Schwierige Rehabilitation – und große Resilienz
Davids Weg zurück ins normale Leben war von vielen Herausforderungen geprägt. Nach der Operation machte ihm eine unerwartete Infektion zu schaffen.
Während sein Körper wuchs, wurden die Narben immer wieder belastet. Jede Übung war für David ein schmerzhafter Kraftakt.
Für Patienten wie David ist die Physiotherapie ein entscheidender, aber oft mühsamer Schritt auf dem Weg zur Genesung. Die Beweglichkeit durch tägliche Dehn- und Kräftigungsübungen zurückzugewinnen, bedeutet monatelange Arbeit gegen schmerzende Narben. Fortschritte sind fragil – Rückschläge wie Infektionen oder nicht gelungene Hauttransplantationen kommen häufiger vor. Ohne konsequentes Üben würde das Narbengewebe die Beweglichkeit erneut einschränken.
„Narbengewebe benötigt ein bis eineinhalb Jahre, um sich zu setzen“, erklärt Dr. de Jong. „Anfangs sind die Narben sehr aktiv, bevor sie langsam weicher werden und verblassen. Mit Geduld, Übungen und Zeit kann David noch mehr Beweglichkeit zurückgewinnen.“
Trotz aller Schmerzen und mit Verband am Arm ließ sich David nicht unterkriegen. Zurück auf der Station wurde er schnell zum „Pfleger in Ausbildung“ – ein aufgeweckter Junge mit dem Traum, eines Tages selbst Arzt zu werden. Gemeinsam mit seinen Freunden und den Pflegekräften, die ihm ans Herz gewachsen waren, erfüllte Lachen wieder die Flure – ein Zeichen seiner Resilienz und einer neuen Hoffnung an Bord.
In Ländern wie Sierra Leone ist eine umfassende Nachsorge nach Operationen selten. Doch durch die Zusammenarbeit von Mercy Ships mit dem Gesundheitsministerium ändert sich das langsam. „Selbst wenn es Reha gibt, ist sie meist nur für kurze Zeit verfügbar“, berichtet Clare Kiamtia, ehrenamtliche Handtherapeutin aus Neuseeland. „Mercy Ships stellt eine weiterführende Rehabilitation bereit, hilft den Patienten, eine zufriedenstellende funktionelle Leistungsfähigkeit zu erlangen, und erlaubt uns in vielen Fällen eine Nachverfolgung des bisherigen Heilungsverlaufs.
Davids Rückkehr nach Hause
Als der Mercy Ships-Transporter nach Monaten zurück ins Dorf Sama rollte, versammelten sich viele neugierige Gesichter. David war seit seiner Abreise zum Hospitalschiff nicht mehr gesehen worden. Seine Großmutter stürmte als Erste auf ihn zu und schloss ihn fest in die Arme. Die Nachbarn staunten über seine Verwandlung.
Wieder zu Hause half David seiner Großmutter beim Kochen – stolz am selben Feuer, das einst sein Leben so einschneidend verändert hatte. Ein Moment der Heilung in jeder Hinsicht.
„Ich war glücklich und habe für eine erfolgreiche Operation gebetet“, erzählt seine Großmutter. „Heute bin ich einfach froh, David wiederzusehen.“
Auch in der Schule wurde David herzlich empfangen. Im beengten Klassenraum begrüßten ihn seine Mitschüler. „Ich war so froh, David gesund und stark zurückkehren zu sehen“, sagt sein Lehrer Ansu. „Heute hat er im Unterricht die Hand gehoben – etwas, das er vorher nicht konnte. Wir danken Gott für dieses Wunder.“
Davids Rückkehr ist nicht nur für ihn ein Abschluss, sondern auch für die Gemeinschaft ein Zeichen dafür, wie viel er überwunden hat. Dorfvorstand Mustafa Kombe bringt es auf den Punkt: „Wir wissen nicht, was die Zukunft für unsere Kinder bringt. Als David sich verletzte, hätten wir nie erwartet, dass jemand kommt, um seine Hand zu heilen. Danke, Mercy Ships – wir beten für Segen für eure Arbeit!“
David kommt aus Sierra Leone.
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